“Wir wollen vom Leben erzählen, nicht ausgedachte Heldengeschichten”

Drei Fragen an David Ensikat, zuständig für "Tagesspiegel"-Nachrufe

Normalerweise schreiben Journalisten über verstorbene bekannte Personen des öffentlichen Lebens - nicht so David Ensikat und seine Kollegen und Kolleginnen. Die „Nachrufe“-Seiten beim Berliner „Tagesspiegel“, die es seit 25 Jahren gibt, widmen sich bislang unbekannten Berlinern und Berlinerinnen, die gestorben sind.

epd: Herr Ensikat, Ihre „Nachrufe“-Seite erinnert an ganz normale Menschen aus Berlin - eine in der Form einzigartige Seite. Wie kommen Sie auf diese Menschen?

David Ensikat: Am Anfang, als die Seite noch nicht eingeführt war, hat sich nahezu keiner bei uns gemeldet. Wir haben dann Leute angerufen, die unter Traueranzeigen stehen. Inzwischen melden sich die Leute bei uns. Es sind aber nicht so viele, dass ich eine Auswahl treffen muss. Am Anfang hatten wir viel weniger Frauen als Männer auf der Seite, das ist inzwischen ausgeglichen. Es kommt natürlich auch vor, dass jemand aus dem migrantischen Milieu stammt, aber das ist, gemessen an dem Schnitt der Bevölkerung, etwas seltener. Wir sind schlichtweg darauf angewiesen, wer sich bei uns meldet.

epd: Wie schaffen Sie und Ihre Kollegen und Kolleginnen es, dass sich Trauerende Ihnen öffnen und von ihren verstorbenen Angehörigen frei erzählen?

Ensikat: Indem man ihnen erst einmal klarmacht, wie unsere Seite funktioniert. Wir wollen tatsächliches Leben erzählen und nicht ausgedachte Heldengeschichten. Wir machen die Erfahrung: Je gebildeter die Leute sind, desto schwieriger wird es, wirklich etwas Persönliches über den Verstorbenen zu erfahren. Der Anspruch ist dann sehr hoch, nur Wertschätzendes zu berichten und Widersprüche oder problematische Situationen auszublenden - die aber für uns und die Leser von größerem Interesse sind. Wie oft haben wir mit Angehörigen darüber verhandelt, ob wir über Homosexualität, Alkoholismus oder Scheidung schreiben dürfen. Wir wollen nicht partout das hervorholen, was unter dem Deckel gehalten wird, aber wir wollen natürlich etwas Erstaunliches oder Rührendes erzählen. Die Angehörigen sind dabei immer der Filter.

epd: Sie haben mit Menschen zu tun, die einen schweren Verlust verarbeiten müssen. Was muss man mitbringen, damit sich die Angehörigen oder Freunde im Gespräch wohlfühlen?

Ensikat: Natürlich gibt es schwierige Situationen, wenn Leute tief trauern. In den meisten Fällen treffen wir sie aber auch erst Wochen oder Monate nach dem Tod ihres Angehörigen. Grundsätzlich hilft es, ein ehrliches Interesse entgegenzubringen, konkrete Fragen zu stellen. Das ist oft schon eine wertvolle Erfahrung für die Trauernden: Jemand hört ihnen zu, Erinnerungen werden sortiert. So kommen erstaunliche Dinge zutage, und oft wird aus einer bedrückenden Situation eine gelöste, gemeinschaftliche, bei der auch gelacht wird.

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