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Wie peruanische Kleinbauern Regenwald erhalten

Peru ist ganz vorn, wenn es um biologische Vielfalt geht. Doch auch dort wird der Regenwald abgeholzt. Indigene Gemeinschaften halten dagegen.

Was am Amazonas passiert, hat Auswirkungen auf die ganze Welt. Die Vielfalt des weltweit größten zusammenhängenden tropischen Urwaldes ist schier unvorstellbar. Eine Schatzkammer. Doch auch der Raubbau an der Natur ist immens: Für Viehzucht, Holzhandel, Drogenanbau und Bergbau werden riesige Waldflächen vernichtet. Allein Peru, das nach Brasilien den zweitgrößten Teil des Amazonas-Regenwaldes beherbergt, hat zwischen 2001 und 2023 nach Regierungsangaben mehr als 3.000 Quadratkilometer Regenwald verloren, das sind mehr als 420.000 Fußballfelder.

Dabei gibt es nachhaltige Möglichkeiten, den Wald zu nutzen. Örtliche Bevölkerungsgruppen und Wissenschaftler versuchen zu retten, was möglich ist. Zum Beispiel die indigene Gemeinschaft von Boca Pariamanu, die zum Volk der Amahuaca gehört. Wer das abgeschiedene Dorf im peruanischen Amazonasbecken besuchen will, muss mit dem Boot von der Provinzhauptstadt Puerto Maldonado über den schlammigen, mehrere hundert Meter breiten Río Madre de Dios tuckern und seinen Nebenfluss, den Río Las Piedras.

Endloser Dschungel, eine Orgie in Grün, hervorstechende Baumriesen, abgebrochene Uferkanten, Kies- und Schotterinseln, auf denen bisweilen Goldschürfer ihre Gerüste und Pumpen aufgebaut haben. Puerto Maldonado trägt offiziell den Titel “Biodiversitätshauptstadt Perus”. Und das Andenland Peru gehört zu den zehn Ländern mit der größten biologischen Vielfalt weltweit. Etwa 52 Prozent seiner Fläche ist vom Amazonasregenwald bedeckt. Bei der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem geht es auch darum, ob das so bleibt.

Nach zwei Stunden Fahrt durch Regen und Regenwald ist das Boot am Ziel. Ist man von der Anlegestelle aus den schlammigen Prallhang des Flusses hinaufgeklettert, öffnet sich ein kleines Paradies. 20 Familien mit 52 Erwachsenen und 100 Kindern leben hier in großen Holzhütten, unter Dächern aus geflochtenen Palmblättern. Eine rostige Satellitenschüssel zeigt, dass das Dorf in Kontakt mit der Zivilisation steht.

In der mit Wellblech gedeckten, an den Seiten offenen Versammlungshalle erwartet die Gäste ein riesiger Tisch, gefüllt mit exotischen Pflanzen und Früchten: Esskastanien, Maniok, Mango, Bananen, Zuckerrohr und Kakao-Früchte.

Nadia Pacaya Grifa ist derzeit die Präsidentin der Gemeinschaft. Lange, grünlich schimmernde Ohrringe, ein aus schwarzen und roten Perlen hergestellter und mit bunten Federn gekrönter Kopfschmuck: Die ruhig und leise sprechende Frau strahlt Autorität und Tatkraft aus.

Seit 2018 haben sie und ihre Dorfgemeinschaft mit Unterstützung des Teams der Caritas aus der Region Madre de Dios in Boca Pariamanu ihre Erwerbsquellen konsequent weiter entwickelt: Da ist der weit verzweigte Garten mit Heil- und Nutzpflanzen für die Selbstversorgung und den Verkauf. Da ist die Hütte, in der Frauen Kunsthandwerk produzieren. Und da ist der große, offene Speisesaal, in dem die Bewohner auch die Touristen beköstigen, die das Angebot eines sanften Tourismus nutzen wollen.

Das Ziel der Gemeinschaft: Den Menschen ein eigenes Auskommen sichern. Und damit den Kindern eine Perspektive bieten, damit sie nicht abwandern müssen in die großen Städte wie so viele indigene Menschen in Peru. Auch wollen die Bewohner den Goldschürfern und Holzfällern trotzen, die immer weiter in die Gebiete der Indigenen vorrücken und den Regenwald zerstören.

55 indigene Völker gibt es noch im peruanischen Amazonas-Gebiet, sagt César Bazán, Anwalt und Menschenrechtsaktivist, der an der katholischen Universität Peru lehrt. Doch ihr traditioneller Lebensraum schwindet. Immer mehr Menschen, vor allem arme Peruanerinnen und Peruaner aus den Anden, kommen in die Region Madre de Dios, weil sie sich im Amazonasbecken ein besseres Leben erhoffen, erzählt der Menschenrechtsaktivist.

Anziehend wirkt das Gold, dessen Verkaufspreis sich auf historischem Höhenflug befindet. Der “Mutter-Gottes-Fluss” führt es mit sich, und es wird ohne Rücksicht auf die Natur von nunmehr 60.000 Goldschürfern abgebaut. Sie durchwühlen den Fluss, seine Ufer und die angrenzenden ökologisch hoch sensiblen Sumpfgebiete. Große Pumpen saugen Schlamm, Sand und Steine nach oben, wo das Gold mit Hilfe von Chemikalien wie Quecksilber getrennt wird. Zurück bleiben breiige, trübe Wasserpfützen, die den “Madre de Dios” mit einem giftigen Chemikalien-Cocktail verseuchen.

Unterdessen führt Jane del Castillo, die Chefin der Frauenproduzentengemeinschaft, stolz zu einer weiteren wichtigen Erwerbsquelle von Boca Pariamano: Seit einigen Jahren setzt das Dorf konsequent auf Agroforstwirtschaft, also auf die Kombination von Land- und Waldwirtschaft auf derselben Fläche. Dicht an dicht wachsen zwischen den Bäumen Mais, Bananenstauden, Kakaobäume, Ananaspflanzen, Bohnensträucher, Asai-Bäume und vieles mehr.

Die Dorfgemeinschaft wollte es genau wissen: Sie verglich über mehrere Jahre die Ernten zwischen Parzellen, die mit oder ohne Brandrodung gewonnen wurden. Das Ergebnis war eindeutig: Agroforstwirtschaft wirkt der Bodenerosion entgegen, stabilisiert den Wasserhaushalt, stärkt das labile Ökosystem und sichert zugleich die wirtschaftliche Existenz. Sie ist damit – auch angesichts häufiger werdender Trockenphasen und untypischer Starkregenfälle im Amazonasgebiet – ein wichtiger Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel.

Gerade der Anbau von Kakao erweist sich derzeit als echte alternative Einkommensquelle zum Goldschürfen, sagt del Castillo. Denn der – zuletzt stark schwankende – Kilopreis hat sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdreifacht: auf rund 4,70 Euro pro Kilo oder 4.700 Euro pro Tonne. Und Kakao lässt sich das ganze Jahr über ernten.

Caritas international und Caritas Peru haben das Dorf bei seinem Wandel mit Geld und wissenschaftlicher Beratung unterstützt. Auch deutsche Entwicklungsgelder fließen in solche Projekte im Amazonasgebiet. Die Kleinbauern werden zugleich als Erzeugergemeinschaften gestärkt: In der Genossenschaft COOPSSUR in Puerto Maldonado haben sich rund 120 Familien zusammengeschlossen und betreiben eine einfache Anlage, in der die Kakaobohnen fermentiert werden können.

In der einem Treibhaus gleichenden einfachen Halle am Rand der Straße “bioceanica”, die Peru mit Brasilien verbindet, herrscht unerträgliche Schwüle. Der schwere süßliche Geruch nimmt den Atem. Auf großen Netzen lagern rötlich-braun schimmernde Kakaobohnen, die in der tropischen Hitze getrocknet und einem Gärungsprozess ausgesetzt werden. Die veredelten Bohnen gelangen dann über einen Zwischenhändler in Lima auf den Weltmarkt für Kakao – oder sie werden noch vor Ort zu Schokolade weiterverarbeitet.

Für die indigenen Gemeinschaften haben solche Projekte große Bedeutung über das Wirtschaftliche hinaus: “Das Land macht unsere indigene Identität aus”, beschreibt Eusebio Rios, der Vize-Präsident von Fenamad, einem Bündnis der indigenen Amazonas-Völker in der Region Madre de Dios, die spirituelle Dimension des Bodens. Gehe das Gebiet für nachkommende Generationen verloren, leide die Identität des ganzen Volkes. Wenn jüngere Indigene in die Städte abwanderten, verlören sie ihre kulturellen Wurzeln.

Perus Regierung jedoch verwehrt den Ureinwohnern ihre Rechte. Laut peruanischem Recht könnten keine Besitzrechte, sondern nur Nutzungsrechte an die indigenen Völker gegeben werden, sagt Rios. Die Regionalregierung verkaufe den Abbau der Bodenschätze im Gebiet Madre de Dios als Fortschritt und fordere von den Indigenen das Abtreten ihrer Nutzungsrechte.

Internationale Abkommen zum Schutz der indigenen Völker gibt es zwar, erklärt der investigative Journalist und Gründer des unabhängigen Online-Mediums Epicentro.tv, Daniel Yoverasie; sie würden vom Staat aber oft ignoriert. Noch schwieriger könnte die Lage werden, wenn das im März vom Parlament verabschiedete sogenannte APCI-Gesetz umgesetzt wird; es soll internationale Geldgeber, also auch Hilfsorganisationen wie die Caritas, unter die Aufsicht des Staates stellen. Dann dürfte im Extremfall kein Projekt, das mit ausländischem Geld gefördert wird, mehr ohne Erlaubnis der Regierung starten.