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Wie gut ist die letzte Staffel der Netflix-Serie “Stranger Things”?

Mit der fünften Staffel endet nach neun Jahren “Stranger Things”. Und das, klar, im CGI-Gewitter krasser Kreaturen. Dabei lag der Reiz dieser Serie einst in ihrer emotionalen Intelligenz.

Das neue Kino namens Streaming bringt nicht nur horizontale Serien in aberwitziger Anzahl zur Welt. Viele davon dienen auch als fiktionale Elternhäuser. Wer genügend Abos, Zeit und Sitzfleisch hat, kann Jugendlichen auf allen Portalen buchstäblich dabei zusehen, wie sie vor laufenden Kameras erwachsen werden. Wobei zum Beispiel Harry Potters siebenjähriger Reifungsprozess – bald wieder neu bei HBO Maxx – bereits in den Romanen angelegt war. Für die Langzeitjugendstudie von “Stranger Things” dagegen ist etwas anderes verantwortlich: ihr irrwitziger Erfolg.

Als Netflix vier Schulfreunde im Sommer 2016 mit dem rätselhaften Versuchskaninchen Elfi vom Brett ihres drolligen Rollenspiels in eine furchtbar reale Fantasywelt unter der amerikanischen Kleinstadt Hawkins schickte, war es schließlich nur eine Mystery-Serie unter vielen. Noch während der ersten Staffel aber schossen die Abrufe so steil empor, dass Fortsetzungen unausweichlich wurden – und damit die öffentliche Adoleszenz aller (überlebenden) Kinder in Echtzeit.

Als jetzt die fünfte – und offiziell letzte – Staffel mit den ersten vier von acht Teilen online ging, waren viele Hauptfiguren daher kaum wiederzuerkennen. Will (Noah Schnapp), Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin) sind von präpubertären Jungs nicht nur zu spätpubertären Teens geworden; sie formieren sich zu einer durchtrainierten Kampftruppe in Flecktarn, die es mit dem Ungeheuer der vierten (bis dato erfolgreichsten) Staffel aufnimmt. Vor gut drei Jahren war es nach einer verlustreichen Odyssee bis hoch ins vereiste Russland zur finalen Schlacht gegen den Endgegner Vecna gekommen.

Ein Geschöpf zwischen Alptraum und Ausgeburt der Hölle, das von Hawkins aus die Welt erobern wollte – hätte ihr ein Dutzend Jugendlicher um Elfi (Millie Bobby Brown) nicht Paroli geboten. Vorerst zumindest. Denn wie die meisten Monster sind Hollywoods Antagonisten erst dann abschließend besiegt, wenn sämtliche Möglichkeiten zur Ausschlachtung abgeschöpft wurden. In diesem Fall: 30 reguläre Folgen plus Videospiel (“The Game”) plus Begleitbücher (“Worlds Turned Upside Down”) plus Talkshow (“Beyond Stranger Things”) plus acht Abschlussfolgen, die keineswegs ausschließen, irgendwann mit Prequels, Sequels, Spin-Offs oder Reboots beehrt zu werden.

Wie es bis dahin weitergeht, ist deshalb zweitrangig. Primär geht es darum, einen Tiger zu reiten, den die Showrunner Matt und Ross Duffer nun abermals auf cineastischem Niveau gesattelt haben. Nach dem Pyrrhussieg über Vecna wurden Teile von Hawkins zur militärischen Sperrzone erklärt. Während das Leben nebenan weitergeht, ist die disruptive Unterschichtfamilie der alleinerziehenden Joyce Byers (Winona Ryder) bei der spießbürgerlichen Bilderbuchfamilie von Highschool-Beauty Nancy Wheeler (Natalie Dyer) eingezogen.

Genau dort aber droht bereits weiteres Ungemach. Vecna (Jamie Campbell Bower) hat offenbar Besitz von ihrer kleinen Schwester Holly (Nell Fisher) ergriffen, ist also alles andere als besiegt. Als die erwähnte Nachwuchsarmee um den abgetauchten Cop Hopper (David Harbour) in den Untergrund jenseits der Stacheldrahtzäune herabsteigt, sucht sie also am falschen Ort. Der richtige liegt oberirdisch, wird aber mit jeder Minute abgründiger, vor allem jedoch aufwendiger inszeniert. Und damit wäre das Prinzip “Stranger Things” gut umschrieben.

Die Duffer-Brüder haben ihr kolportiertes Budget von fast einer halben Milliarde Dollar in eine Leistungsshow technikaffiner Streamingblockbuster verwandelt. Zum Preis von 25 “Tatorten” pro 50-minütiger Folge gönnt sich die Serie kaum Atempausen. Bestand die Anziehungskraft der ersten acht Episoden bei der Generation X/Y auch in den fantastisch reanimierten Achtzigerjahren, nimmt das Finale keine stilistischen Umwege mehr in Richtung Showdown. Statt sich in “Dungeons und Dragons” zu verlieren, das ikonischste Rollenspiel des analogen Zeitalters, laufen die Protagonisten daher praktisch pausenlos durchs digitale CGI-Gewitter.

Um nicht missverstanden zu werden: Nach Ansicht der ersten Hälfte ist die fünfte Staffel gewohnt hochwertig, fesselnd und emotional hochintelligent. Die Coming-of-Age genannte Persönlichkeitsentwicklung unter Extrembedingungen zeugt auch neun Jahre nach der Premiere von Empathie, Augenhöhe und Respekt. Wer die Darsteller heute betrachtet, weiß zu schätzen, dass sie 2016 weniger optisch als inhaltlich gecastet wurden, weshalb abgesehen vom Postergirl Millie Bobby Brown wohl noch niemand von ihnen den Durchbruch geschafft hat. Und dass “Stranger Things” Kate Bushs “Running Up That Hill” 37 Jahre nach seiner Veröffentlichung abermals in die Charts brachte, zeugt vom popkulturellen Sog der Serie.

Umso mehr sieht man dem dreigeteilten Serienabschluss aber sein verkrampftes Budenzauber-Bemühen an. Wenn sich Treibjagden krasser Kreaturen gefühlt alle drei Folgen verdoppeln, kreist die mitunter magische Kontemplation übers Erwachsenwerden im Ausnahmezustand irgendwann nur noch um sich selbst. Damit kopiert sie das Schicksal von “Game of Thrones” – noch so einem Format, das dem jungen Personal beim Großwerden zugesehen hat, am Ende aber in einer selbstreferenziellen Materialschlacht implodierte. Die droht spätestens Silvester also auch “Stranger Things”, wenn der allerletzte Teil folgt. Angeblich. Denn dass danach nichts mehr kommt, ist ungefähr so unwahrscheinlich wie ein Serien-Remake von Harry Potter.