Wie die bayerische Kirche unabhängige Publizistik schwächt

Die evangelische Kirche in Bayern will ihre Förderung für den Evangelischen Presseverband weitgehend beenden. Was dahinter steckt.
Wie die bayerische Kirche unabhängige Publizistik schwächt
Die Kirchenpresse ist unter Druck, nicht nur in Bayern
epd-bild / Heike Lyding

Ausgerechnet Bayern. Jenes Bundesland, von dem aus die evangelische Kirche seit Jahrzehnten mit dem Robert-Geisendörfer-Preis qualitätsvolle Medienarbeit auszeichnet. Der nach dem bayerischen Pfarrer und Medienpionier benannte Preis ehrt Beiträge, die christliche Werte, Menschenwürde und gesellschaftliche Verantwortung sichtbar machen. Die Botschaft war immer klar: Evangelische Kirche braucht starken, unabhängigen Journalismus – und sie ist bereit, ihn zu unterstützen.

Nun stellt ausgerechnet die bayerische Landeskirche ihre publizistische Infrastruktur infrage. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) will ihre finanzielle Förderung für den Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV) Ende 2026 weitgehend auslaufen lassen. Betroffen sind das „Sonntagsblatt“, das Portal sonntagsblatt.de, Radio- und Fernsehredaktionen sowie weitere Angebote. Rund 50 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, die Zukunft der evangelischen Publizistik im Freistaat – mit Signalwirkung für die gesamte evangelische Kirche in Deutschland – ist offen. Die Landeskirche verweist auf massiven Spardruck und ein Sparziel von 40 Prozent des gesamten Haushalts der Landeskirche bis 2035, verbunden mit dem Ziel, die eigene „strategische Organisationskommunikation“ – sprich: Öffentlichkeitsarbeit – zu stärken.

Bayern: Evangelische Publizistik lange unverzichtbar

Dabei beträgt der jährliche Zuschuss nach Angaben des EPV etwa 2,6 Millionen Euro. Das seien 0,28 Prozent des gesamten Haushalts der Landeskirche.

Um die Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück. Unter Landesbischöfen wie Johannes Friedrich und Heinrich Bedford-Strohm galt evangelische Publizistik in Bayern als unverzichtbare Partnerin der Kirche. Immer wieder betonten sie, dass unabhängige Medienarbeit zur inneren Hygiene der Kirche gehöre – als Spiegel, Korrektiv und Ort der selbstkritischen Debatte – und zugleich für ihre äußere Glaubwürdigkeit unersetzlich sei. In dieser Tradition steht auch der Geisendörfer-Preis, der ausdrücklich Beiträge würdigt, die Missstände benennen und gesellschaftliche Debatten anstoßen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Entscheidung, gerade beim EPV so stark zu kürzen, als gewaltiger Bruch mit einer langen publizistischen Tradition.

Mann im grünen Hemd und mit grauen Haaren lehnt auf einem Holztisch, Backsteinwand im Hintergrund
Unser Autor Gerd-Matthias Hoeffchen

Offiziell begründet die ELKB den Schritt mit veränderten finanziellen und medialen Rahmenbedingungen. Sinkende Mitgliederzahlen, weniger Kirchensteuern, veränderte Mediennutzung – all das ist real. Doch der Zeitpunkt und die Art der Verkündung irritieren. Noch vor zwei Jahren war mit dem „Campus Kommunikation“, eine gemeinsame Struktur von Landeskirchenamt und EPV, ein Projekt gestartet worden, das Öffentlichkeitsarbeit und publizistische Einheiten enger zusammenführen sollte. Nun wird dieses Projekt abgewickelt – und ausgerechnet der publizistische Teil soll den größten Preis zahlen.

Im Kern steht eine Unterscheidung, die in der aktuellen Debatte oft verschwimmt: der Unterschied zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Publizistik. Öffentlichkeitsarbeit erklärt, was Kirche von sich sagen möchte. Sie macht Projekte sichtbar und wirbt für ihre Anliegen. Publizistik dagegen knüpft daran an, bleibt aber unabhängig. Redaktionen wie das „Sonntagsblatt“ oder der Evangelische Pressedienst (epd) oder auch evangelische Wochenzeitungen wie diese hier recherchieren, ordnen ein und stellen Fragen – auch kritische.

PR und Publizistik: Das macht einen Unterschied

Der Unterschied zeigt sich besonders deutlich bei schwierigen Themen. Wenn eine Landeskirche neue Maßnahmen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt vorstellt, informiert die Öffentlichkeitsarbeit über Beschlüsse, Strukturen und Ansprechpartner. Publizistische Redaktionen gehen einen Schritt weiter: Sie sprechen mit Betroffenen, fragen nach Erfahrungen und prüfen, ob die angekündigten Maßnahmen tatsächlich greifen. Sie berichten nicht nur über Entscheidungen – sie begleiten ihre Folgen, ermöglichen Diskussionen.

Dass der epd-Landesdienst weitergeführt werden soll, ist ein wichtiges und richtiges Signal. Doch eine Nachrichtenagentur kann die publizistische Funktion der Kirchenpresse nicht ersetzen. Der epd liefert unverzichtbare Informationen – Nachrichten und Berichte über das, was geschieht. Kirchenzeitungen leisten etwas anderes: Sie ordnen ein, stellen Zusammenhänge her und kommentieren. Sie beschreiben nicht nur, was ist, sondern helfen zu verstehen, was es bedeutet. Kirchenzeitungen und zunehmend ihre Online-Portale schaffen Öffentlichkeit, ermöglichen Orientierung und fördern Diskussion – auch über die Kirche selbst.

Und was ist mit sozialer Verantwortung der Kirche?

In der deutschen Medienlandschaft spricht man bereits von einem „Kahlschlag bei evangelischen Medien“, schildert die Fassungslosigkeit unter den Mitarbeitenden. Der Eindruck drängt sich auf: Die eigene Öffentlichkeitsarbeit gewinnt an Gewicht zulasten des kritischen publizistischen Gegenübers.

Hinzu kommt die soziale Dimension. Rund 50 Arbeitsplätze stehen im Raum. Eine evangelische Landeskirche, die in Gesellschaft und Politik soziale Verantwortung einfordert, muss sich daran messen lassen, wie sie mit den eigenen Mitarbeitenden umgeht.

Der Spardruck ist real – aber...

Die Debatte in Bayern berührt die Grundfrage, ob sich die evangelische Kirche auch künftig ein unabhängiges publizistisches Gegenüber leistet – oder ob sie ihre Kommunikation stärker auf eigene Ich- und Wir-Botschaften beschränkt.

Spardruck ist real. Aber wo unter Sparzwängen ausgerechnet jene Strukturen geschwächt werden, die kritische Rückfragen ermöglichen, steht am Ende mehr auf dem Spiel als ein Medienhaus. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche.

Der Autor ist Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“ (EMVD), dem Zusammenschluss von 29 Redaktionen und Verlagshäusern der evangelischen Publizistik in Print, Rundfunk, TV und Online.