Sehenswerter zweiter Teil des Musicals um das zauberhafte Land Oz, in dem eine grünhäutige Hexe den Kampf gegen den betrügerischen Herrscher aufnimmt und ihre gutherzige Freundin zur Positionierung drängt.
Oz hat die Maske fallen gelassen. Lange konnte das zauberhafte Land den Anschein erwecken, als gebe es zwar Defizite im Umgang mit menschlichen und tierischen Einwohnern, die nicht den verbreiteten Normvorstellungen entsprechen. Grundsätzlich aber schien es auf wohlwollenden Prinzipien aufgebaut. Doch seit der Konfrontation der Junghexe Elphaba (Cynthia Erivo) mit dem vermeintlich “wundervollen”, tatsächlich aber in keiner Weise magiebegabten Zauberer von Oz (Jeff Goldblum) gibt es keinen Zweifel mehr an der Wahrheit, die die kluge Lehrer-Ziege Dr. Dillamond ausgesprochen hat: “Etwas Böses geschieht in Oz.”
Dass der Zauberer für die Kampagne gegen die Sprachfähigkeit der Tiere und für ihre gewaltsame Entfernung aus der Öffentlichkeit verantwortlich ist, hat zu Elphabas Bruch mit dem Herrscher über Oz und der ihn stützenden Gesellschaft geführt. Das spielt dem Hochstapler allerdings noch mehr in die Karten. Mit seiner demagogisch begabten Helferin, der früheren Zauberprofessorin Madame Morrible (Michelle Yeoh), hat er die grünhäutige Elphaba zur Staatsfeindin erklärt. Diese permanent wiederholte Lüge stößt bei den Bewohnern von Oz auf allzu offene Ohren.
Im Vergleich zu “Wicked” hat sich die Stimmung zu Beginn von “Wicked: Teil 2” grundlegend gewandelt. Die im Unterschied zur Bühnenvorlage ausgedehnte Kinoversion beginnt mit einem leinwandgemäßen Auftritt von Elphaba. Die bei ihren Feinden nunmehr als “Böse Hexe des Westens” bekannte Figur stört den Bau des prestigeträchtigen gelben Ziegelsteinwegs und befreit die dafür ausgebeuteten Zugtiere.
Doch so souverän, wie sich Elphaba gibt, ist sie nicht. In ihrem Versteck im Wald prangen ihre beiden Ziele an der Wand: “Den Zauberer bloßstellen – die Tiere befreien.” Doch das mit den Tieren geht auch nach Monaten nur mühsam voran, und an die Demaskierung des Zauberers ist überhaupt nicht zu denken.
Ihre Gegner sind geschickt aufgestellt und heizen ihre falschen Behauptungen mit festlichen Spektakeln an; zudem kontrollieren sie die Medien. Zeitungen, Pamphlete und Ansprachen verbreiten die Propaganda des Zauberers und seiner Komplizin; sogar eine aufklärende Himmelsschrift, mit der Elphaba die Dinge richtigstellen will, wird von Madame Morrible rasch weggezaubert.
Obwohl Elphabas Entschlossenheit groß ist und ihre Zauberkundigkeit beständig wächst, sind nicht einmal die Tiere davon überzeugt, dass sie eine Hilfe ist. Elphabas in “Wicked” demonstrierte Unsicherheit besteht weiter, und ihr Vorgehen ist noch immer weniger strategisch denn impulsiv.
Gleiches lässt sich auch über die zweite Hauptfigur Glinda (Ariana Grande) sagen. “Wicked: Teil 2” zeigt Glinda als Teil des Zauberer-Illusionsapparats, in dessen Dienst sie ihr auf fröhliche Unbeschwertheit ausgerichtetes Wesen gestellt hat. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, das Leben der Einwohner von Oz als “gute Hexe” zu “erhellen”, indem sie die Entscheidungen des Zauberers öffentlich preist. Für die herablassende Madame Morrible ist ihre frühere Schülerin Glinda damit optimal aufgehoben.
Zumindest zu Beginn des zweiten Teils muss es deshalb fragwürdig erscheinen, ob Glinda als Unterstützerin für einen Systemsturz, wie ihn Elphaba anstrebt, überhaupt in Frage kommt.
War das Verhältnis von Elphaba und Glinda zuvor nur ein erzählerischer Baustein in der umfassenden Emanzipationsgeschichte der grünen Hexe, wandelt es sich in “Wicked: Teil 2” zum wichtigsten Handlungstreiber. Musikalisch wird das durch zwei eigens für den Film geschriebene neue Solo-Songs – einen für jede der beiden erbitterten Konkurrentinnen – zusätzlich untermauert.
Die drängenden Fragen, wie sich die Figuren persönlich sehen, wie die anderen sie wahrnehmen und ob sie sich selbst noch in die Augen schauen können, treten klarer hervor und unterstützen die nach wie vor sorgfältige Charakterzeichnung. Dabei verschiebt sich der erzählerische Fokus im Vergleich zum ersten Teil auch stärker hin zur verwöhnten Glinda, die nun beweisen darf, dass sie nicht weniger als die empfindsame Elphaba zu vielschichtigen Gefühlen fähig ist.
Filmisch führt dies dazu, dass neben der exzellenten Cynthia Erivo auch Ariana Grande feinere Facetten zeigen darf und neben den intimen Gesangsmomenten auch schauspielerisch brilliert. Die Beziehung zwischen den beiden Figuren ist eindeutig das Kraftzentrum von “Wicked: Teil 2”, ohne dass dadurch die anderen emotionalen Konstellationen zurückgesetzt würden, die vor allem aus unerwiderten Gefühlen zwischen weiblichen und männlichen Figuren resultieren.
“Wicked: Teil 2” ist kein Unterhaltungsfilm, in den man sich gedankenlos hineinfallen lassen kann, sondern er fordert beständige Aufmerksamkeit für musikalische, dialogische und gestalterische Nuancen ein.
Eine gute Erinnerung an den ersten Teil ist geradezu Pflicht, und auch den Verlauf und das Design des klassischen Märchenfilms “Der Zauberer von Oz” (1939) mit Judy Garland sollte man besser im Kopf haben. Und das nicht allein, um die Leistung des “Wicked”-Teams wertschätzen zu können, sondern auch, um das Geschehen ab dem Moment zu begreifen, in dem Elphabas Gegner einen neuen Anlauf zu ihrer Überwindung unternehmen und das Mädchen Dorothy via Tornado nach Oz befördert wird.
Die Art, wie Dorothy in die Geschichte eingreift, ist wie in der Bühnenvorlage lediglich angedeutet und entspricht der des Films von 1939. Allerdings mit dem entscheidenden Kniff, dass Dorothy in “Wicked” von allen Seiten über die wahren Beweggründe und die Verhältnisse in Oz getäuscht wird.
Die “Wicked”-Fortsetzung kann vor allem im zweiten Teil etwas umständlich entwickelt wirken, doch lässt sich das leicht nachsehen. Schließlich war es auch bei Judy Garlands Dorothy in “Der Zauberer von Oz” erzählerisch nicht unbedingt plausibel, warum Glinda das Mädchen nicht schon bei der ersten Begegnung zurück nach Kansas beförderte, sondern es auf abenteuerliche Irrwege durch das Land Oz schickte.
Aus Zuschauersicht sind solche Spitzfindigkeiten nachrangig, denn damals wie heute lockt es einfach ungemein, Zeit in den fantastischen Kinokreationen von Oz zu verbringen. Umso mehr, wenn neben allem Ausstattungsprunk und den großen Musical-Momenten die Figuren so gewinnend präsentiert werden wie in dieser Emanzipationsgeschichte zweier Frauen, die sich nicht in Schubladen stecken lassen wollen.