Eine ganze Sahnetorte auf einmal aufessen, mit den Füßen auf dem Kissen schlafen – und niemals erwachsen werden: Das ist Pippi Langstrumpf. Silke Weitendorf war das erste Kind, das das Buch in Deutschland gelesen hat.
Sie muss damals etwa acht Jahre alt gewesen sein: “Meine Mutter hat mir aus dem Manuskript vorgelesen. Dadurch bin ich das erste Kind in Deutschland gewesen, das Pippi Langstrumpf kennengelernt hat”, erinnert sich Silke Weitendorf, 84 Jahre alt und Tochter des Verlegerehepaars Friedrich und Heidi Oetinger. “Das habe ich natürlich erst viel später registriert.”
Gefallen habe ihr die rothaarige Pippi mit den Riesenkräften aber sofort: “Ich habe dieses Kind angehimmelt, die Pippi, die in einer totalen Unabhängigkeit leben und sich selbst erziehen konnte. Das war, gerade kurz nach dem Krieg, etwas sehr Besonderes, denn es war noch üblich, dass man in Deutschland autoritär erzogen wurde und es patriarchalisch zuging.”
Vor 80 Jahren, am 26. November 1945, erschien “Pippi Langstrumpf” erstmals in Schweden – dieses Datum trägt die Widmung des Buches von Astrid Lindgren für ihre Tochter Karin, die einst als Kind von sieben Jahren die Figur erfand. Sie lag an einem Wintertag 1942 krank im Bett, langweilte sich und sagte aus einer Laune heraus zu ihrer Mutter: “Erzähl von Pippi Langstrumpf.”
Für die deutsche Oetinger-Familie war Pippi Langstrumpf ein Glücksfall: Sie bot dem jungen Verleger Friedrich Oetinger die Gelegenheit, seinen Wirtschaftsverlag in einen Kinderbuchverlag umzuwandeln – “ein Herzensanliegen von ihm”, erzählt Silke Weitendorf. “Er war ganz erpicht darauf, etwas Frisches nach der Schreckensherrschaft anbieten zu können. Etwas, das einen anderen Blickwinkel auf Kinder lenkt.”
Oetinger reiste also nach Stockholm und schaute sich in den dortigen Buchhandlungen nach Büchern für seinen Kinderbuchverlag um. Dabei bekam er auch “Pippi Langstrumpf” in die Hände, ein “besonderes Büchlein”, wie ihm schien, und er suchte die Autorin auf, um die Erlaubnis zu bekommen, es für den deutschen Markt prüfen zu dürfen. Astrid Lindgren sagte demnach: “Von mir aus gerne – fünf andere Verleger haben es schon geprüft und abgelehnt, es scheint nichts zu sein für den deutschen Markt”.
Oetinger, der selbst kein Schwedisch konnte, ließ das Buch aus dem Stegreif von der deutschen Emigrantin Cäcilia Heinig übersetzen, die als Jüdin während der Nazizeit nach Schweden geflohen war und die Sprache beherrschte; er war begeistert – und holte es nach Deutschland. 1949 erschien es dort erstmals.
“Mein Vater hatte kaum Geld, und es war zunächst schwierig, Druck und Bindekosten aufbringen zu können, um eine Auflage drucken zu können”, erinnert sich Weitendorf. “Wir haben als Familie damals von der Hand in den Mund gelebt.” Aber das Buch wurde immer bekannter und beliebter – und als der Film 1968 ins Fernsehen und die Kinos kam, brachte das die große Wende für den deutschen Pippi-Langstrumpf-Verlag Oetinger. Bis heute hat sich das Buch weltweit 66 Millionen Mal verkauft.
Auch auf schwedischer Seite hält die Begeisterung über die Zusammenarbeit mit Oetinger bis heute an: “Bücher haben ihre Schicksale, und für Pippi Langstrumpf war es ein glückliches Schicksal, in diesem kleinen Verlag in Hamburg zu landen”, zitiert Lindgren-Tochter Karin Nyman, heute 91 Jahre alt, einen Satz ihrer Mutter in einem Interview. Es sei sofort von allen Kindern geliebt worden und festigte die Freundschaft zwischen den beiden Familien.
Silke Weitendorf, die selbst mehrere Bücher von Astrid Lindgren übersetzt und in enger Zusammenarbeit mit ihr einige Übersetzungen bearbeitet hat, hat als junge Frau in den 1970er Jahren eine Zeit lang im Verlag Rabén und Sjögren in Stockholm hospitiert. Sie sah Astrid Lindgren, die zu dieser Zeit dort als Lektorin tätig war, täglich und arbeitete Tür an Tür mit ihr. “Sie war sehr süß und mir sehr zugewandt und wollte immer wissen, wie es mir geht. Das war typisch für sie: Sie war immer um das Wohl des Gegenübers besorgt.” Lindgren habe beim Schreiben auch immer auf eine einfache Sprache gepocht, die sie auch in der Übersetzung sehen wollte: “Es dürfte nicht zu fein übersetzt sein und auch der Sprachrhythmus musste stimmen.”
Während Pippi Langstrumpf in Westdeutschland und vielen anderen Ländern ein Riesenerfolg wurde, wurde es in der DDR lange Zeit nicht verlegt. Lindgren-Biografin Margareta Strömstedt zitiert aus einem aus West-Berlin stammenden Lehrerbrief vom Januar 1975: “Liebe Frau Lindgren, heute muss ich Ihnen schreiben, da ich zu meinem großen Bedauern erfahren habe, dass eine Lehrerin, eine meiner Kolleginnen aus der DDR, soeben ihren Dienst quittieren musste, weil sie ihrer Klasse aus Pippi Langstrumpf vorgelesen hatte.” Das Buch entsprach offenbar nicht der DDR-Pädagogik.
“Vermutlich war Pippi einfach zu unangepasst”, sagt Weitendorf, die die Hamburger “Stiftung zur Förderung der Kinderliteratur im Heidi-Oetinger-Haus” gegründet hat. Für die Kinderbuchkennerin ist eines der wichtigsten Dinge, die mit Pippi verbunden sind, “dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Sie hat den Mut, einen eigenen Weg zu gehen. Und sie zeigt, dass man seinen Mitmenschen offen entgegentreten sollte, und dass man dadurch viel zurückgewinnt an wunderbaren Erfahrungen.”
1959 schrieb Astrid Lindgren: “Wenn ich jemals beabsichtigt hätte, die Figur der Pippi zu etwas anderem als der Unterhaltung meiner jungen Leser dienen zu lassen, so wäre es dieses: ihnen zu zeigen, dass man Macht haben kann, ohne sie zu missbrauchen. Denn von allen schweren Aufgaben des Lebens scheint mir das die allerschwerste zu sein.” Oder, um es mit Pippi Langstrumpf selbst zu sagen: “Wer stark ist, muss auch gut sein.”