Predigttext
2,1 Sie (die Stimme, BJ) sagte zu mir: Mensch, stelle dich auf deine Füße, dann will ich mit dir reden. 2 Als sie zu mir redete, kam Geistkraft in mich – sie richtete mich auf meine Füße. Da hörte ich, was sie zu mir sagte. 3 Sie sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israelitinnen und Israeliten, zu den rebellischen Stämmen, die sich misstrauisch gegen mich auflehnen. Bis heute haben sie und ihre Väter und Mütter immer wieder mit mir gebrochen. 4 Die Töchter und Söhne haben erstarrte Gesichter und verhärtete Herzen. Ich sende dich zu ihnen, dass du zu ihnen sagst: „So spricht GOTT, mächtig über allen“. (...) 6 Vor ihren Reden hab keine Angst und vor ihren Gesichtern erschrecke nicht, auch wenn sie trotzig verschlossen sind. 7 Du wirst meine Worte zu ihnen reden – ob sie hören oder es lassen, denn sie sind trotzig. (...) 9 Ich schaute: Da – eine Hand streckte sich mir entgegen, und in ihr war eine Schriftrolle. 10 (...)Es stand dort: „Klage“ und „Ach“ und „Wehe“. 3,1 Sie sprach zu mir: Mensch, was du da vor dir hast, iss! Iss diese Rolle, und dann geh, rede zum Haus Israel! 2 Da öffnete ich meinen Mund, und sie gab mir diese Rolle zu essen 3 und sagte zu mir: Mensch, gib deinem Bauch Nahrung und fülle deinen Magen mit dieser Rolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und sie war in meinem Mund so süß wie Honig. (Bibel in gerechter Sprache)
Wie im Film! Einer, der den Schlaf raubt: Auf einem Thronwagen erscheint in Licht und Feuer eine göttliche Gestalt. Von Schauder und Ehrfurcht gepackt fällt der Hauptdarsteller auf die Erde, soll wieder aufstehen. Bekommt einen gefährlichen Auftrag, der von vornherein zum Scheitern verurteilt scheint, und eine Schriftrolle voller Klagen. Die muss er essen. Ein Alptraum, der den Priestersohn Hesekiel heimsucht, einige Jahre, nachdem er zusammen mit 10 000 anderen Kriegsgefangenen aus Juda verschleppt worden war nach Babylonien.
Die Deportierten haben Krieg, Gewalt, Zerstörung erfahren, sind hilflos, schutzlos. Die Erinnerung daran lässt ihnen keine Ruhe. Sie versuchen, Angst und Ohnmacht zu verdrängen, möglichst nicht an das zu denken, was ihnen geschehen ist. Nur nicht darüber sprechen! Doch das gelingt nicht immer, und im Traum kehren die Schrecken zurück. Väter und Mütter haben ihr Gottvertrauen verloren. Sie blicken in die erstarrten Gesichter ihrer Kinder, die kaum Gefühle zeigen können. Zu viel Schreckliches erlebt! Hesekiel lebt im Exil als Traumatisierter unter Traumatisierten.
Überleben Hoffnung und Zuversicht eine solche Katastrophe? An den Wassern von Babylon, 1945 auf dem Weg über den vereisten Bodden, heute im Schlauchboot übers Mittelmeer, im Krankenbett mit schockierender Diagnose? Oder wird alles Reden von Hoffnung zum Geplapper? Verletzend, zynisch, bestenfalls sinnlos? Wie soll bei diesen Menschen ankommen, was Gott ihnen sagen will? Ihre Gesichter, ihre Worte machen Angst. Sie selber sind zum Fürchten.
Hesekiel bekommt von Gott eine Schriftrolle förmlich in den Mund gedrängt: Iss, iss, iss! Die Papyrusrolle ist voller Klagen und Seufzen und Leiden. So nimmt Hesekiel alle Klage in sich auf, verleibt sie sich ein, sie wird ein Teil von ihm. Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben. Wie es manche Überlebende getan haben. Was Hesekiel so mühsam herunterwürgt, wird in seinem Mund süß wie Honig. Das klingt so versöhnt. Alles wird gut.
Alles wird gut? Nein. Die Deportierten sind fern von Zuhause, die Toten tot, die Gewalt kann nicht ungeschehen gemacht werden. „Bevor … ‚Seufzen, Klage und Weh‘ in den Worten Hesekiels süß werden, braucht es lange Zeit. Erst im letzten Teil des Buches kommt eine neue Heilszeit in den Blick, neues Leben für Israel und ein neuer Tempel, in den Gott wieder einziehen wird. Das Heil muss sich lange durcharbeiten durch das Unheil.“ (Jürgen Ebach).
Das braucht Zeit und Geduld. Wie Menschen, die Schreckliches erlebt haben, Zeit und Geduld brauchen und eine verlässliche Begleitung, wenn sie sich durch ihr Unheil durcharbeiten. Dann mag es Momente „süß wie Honig“ geben und eine Perspektive sich auftun.
Wie hat es eigentlich Hesekiel, selbst ein Überlebender, geschafft, seinen unmöglichen Auftrag auszuführen, den hart und trotzig Gewordenen Gottes Worte nahzubringen? Woher nahm er die Kraft? Hesekiel – dieser Name bedeutet „Gott ist stark“. Pure Behauptung oder auch Erfahrung?
Hesekiel wird von Geistkraft, hebräisch RUACH, erfüllt, dem Atem Gottes, mit dem Gott die Menschen belebt und bewegt. So holt ihn die RUACH auf die Füße und richtet ihn auf. Hesekiel ist dabei aktiv und passiv zugleich: Er richtet sich auf, weil die Geistkraft ihn aufrichtet und umgekehrt. Resilienz nennt man heute diese Widerstandskraft, die Fähigkeit, Schweres durchzustehen und nicht daran zu zerbrechen. Lebenskraft und Lebenswille werden wieder zugänglich. Dann ist nicht alles gut. Doch wir sind aufgerichtet.
