Wenn die Kirche zur Manege wird

Zirkus Firlefanz der Gemeinde Hamburg-Othmarschen
Wenn die Kirche zur Manege wird
Marlene und Luise beeindrucken am Luftring - Jörn Stevens
Hamburg. Wenn Marlene und Luise zusammen ihre Übungen am Luftring machen, sieht das für den Zuschauer sehr beeindruckend aus. Mal schwingen sie, die Beine ineinander verschränkt in luftiger Höhe oder sie geben sich gegenseitig Halt, um von einer Figur in die nächste zu gelangen. „Zirkus macht Spaß, weil es keinen Leistungsdruck gibt und weil wir ein tolles Team sind“, sagt Marlene und ist sich da mit Luise und den anderen Kindern im Zirkus Firlefanz einig. Damit haben sie die Idee hinter diesem besonderen Gemeindeprojekt ziemlich genau beschrieben. Seit gut zwölf Jahren ist der Zirkus Firlefanz Teil der Kinder- und Jugendarbeit der Tabita-Kirchengemeinde im Hamburger Stadtteil Othmarschen und bietet mittlerweile sieben altersgemäß gestaffelte Gruppen an – vom Zirkusspiel ab vier Jahren bis zum Ensemble für junge Erwachsene, das sehr eigenständig trainiert. Neun Trainer stehen dafür insgesamt zur Verfügung.

Gemeinde kooperiert mit Schulen

Ein hoher Betreuungsschlüssel ist der Gemeinde sehr wichtig, daher arbeiten immer zwei Trainer mit 10 bis 14 Kindern zusammen. In der Vergangenheit hat die Kirchengemeinde bereits im Bündnis mit örtlichen Schulen und der Evangelischen Jugend Hamburg vom Verein „Bündnis für Bildung“ zusammengearbeitet. Es fanden geförderte Ferienprojekte für hörbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Kinder statt.
Auch das Trainerteam macht bei den Vorstellungen mit - Jörn Stevens
Die Kinder und Jugendlichen lernen im Zirkus Firlefanz ganz unterschiedliche Dinge. „Das reicht von A wie Akrobatik oder B wie Bälle-Jonglieren über fast alle Buchstaben des Alphabets bis zu Z wie Zauberei“, sagt Zirkuspädagogin Carolin Dallmeyer. Ihr Steckenpferd ist die Clownerie. „Kinder können durch Humor lernen“, sagt sie, „und der schönste Humor ist der soziale Humor.“ Er sei der Klebstoff für Gemeinschaften, wenn man sage, weißt du noch damals, als dies oder das passiert ist – und man dann gemeinsam lacht. „Wir lassen die reale Welt einfach mal hinter der Tür. Hier findet jeder etwas, was er besonders gut kann und für das er mit Spaß trainiert“, sagt Carolin Dallmeyer. Und eine goldene Regel gelte immer: „Wer einen guten Trick drauf hat, gibt sein Wissen weiter und bringt ihn anderen bei.“ Die jungen Teilnehmenden könnten sich ohne Angst ausprobieren, seien kreativ, entwickelten ein gutes Körpergefühl – und stärkten ihr Selbstbewusstsein, bringt es Dallmeyer auf den Punkt.

Zirkus schweißt Gruppe zusammen

Natürlich soll sich die Proben­arbeit auch auszahlen. Regelmäßig gibt es daher Vorstellungen des Zirkus Firlefanz in der Ansgarkirche. Die nächste sollte es jetzt in der Faschingszeit im Zirkus-Gottesdienst geben. Wegen der Pandemie ist sie jedoch auf Ende Juni verschoben worden. Dann wird eine Seite des Kirchenschiffes freigeräumt und eine frei stehende Trapezanlage aufgebaut. Und dann zeigen die jungen Zirkuskünstlerinnen und -künstler alles, was sie geübt haben: Akrobatik am Boden, auf dem Seil in der Luft, Jonglage, Auf-Kugeln-Laufen, Einradfahren oder Clownsnummern. „Alle kommen dann in der Kirche zusammen. Und immer wieder hören wir von Leuten, die eigentlich nicht in die Kirche gehen: Es war so wundervoll zu sehen, was die Kinder gemeinsam geschaffen haben“, berichtet die Zirkuspädagogin. Denn „in der Zirkusmanege können wir die Kinder förmlich wachsen sehen“, so Dallmeyer. Selbst für sie als erfahrene Zirkuspädagogin sei es immer wieder spannend zu beobachten, wie die Zirkuskunst eine Gruppe zusammenschweißt. „Du bist gut, so wie du bist, das ist es doch, was Kirche aussagen möchte, was wir als Grundbedürfnis empfinden. Wir wollen nicht passend gemacht werden, wir wollen einen Platz finden, wo wir passend sind. Und genau das ist es, was wir hier in unserem Zirkus leben“, da ist sich Carolin Dallmeyer sicher. Weitere Infos zu den Zirkuskursen gibt es bei Carolin Dallmeyer per E-Mail an zirkus@tabita-kirchengemeinde.de oder unter Telefon 040/881 36 06.
Timo.TeggatzT
Ein Beitrag von:

Timo.Teggatz

Schrieb schon als Schüler für die Lokalzeitung über Kaninchenzüchter und mehr, während des Politik-Studiums in Kiel als rasender Sportreporter im Einsatz. Volontariat beim Schleswig-Holsteinischen-Zeitungsverlag, danach acht Jahre als Redakteur für eine Touristikzeitschrift in der Weltgeschichte unterwegs. Seit Juli 2014 bei der Evangelischen Zeitung – seit dem Start von evangelische-zeitung.de für online zuständig.

👋 Unser Social Media