Zuneigung ist schnell erweckt. Da taucht jemand in der Stammkneipe auf, den man noch nie zuvor gesehen hat. Man verbringt einen Abend mit interessanten Gesprächen, verliebt sich, wird ein Paar. Doch in eine Ehe mündet dies zunehmend seltener. Laut Statistischem Bundesamt gab es noch nie so wenige Eheschließungen seit Beginn der Statistik im Jahr 1950 wie dieser Tage.
Warum Gesprächsbereitschaft für die Eheschließung zählt
Das liegt, steht zu vermuten, nicht daran, dass heute weniger Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung existiert als in früheren Jahren. Klagen über Einsamkeit jedenfalls sprechen eher vom Gegenteil. Eines von vielen Problemen könnte sein, dass Menschen im Kommunikationszeitalter weniger wissen, wie man gut miteinander kommuniziert. Das zumindest vermutet Claudio Ettl von der Nürnberger Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus, der seit 20 Jahren Ehevorbereitungsseminare anbietet. Der Schwerpunkt dieser Seminare liegt auf der Vermittlung guter Kommunikationsstrategien. Das sei wichtiger denn je, sagt er: „Denn heute redet man oft nicht mehr miteinander.“
Fünf bis sechs Paare, die in Präsenz oder online an den von Ettl organisierten Seminaren teilnehmen, üben Grundwissen in guter Kommunikation ein. Sie werden zum Beispiel aufgefordert, sich über das, was sie unter Treue verstehen, auszutauschen: „Einer redet, der andere hört zu und wiederholt am Ende, was er verstanden hat.“ Für Ettl ist es in Zeiten des Schubladendenkens und der „Bubble-Kulturen“ von großer Bedeutung für Paare, einander zuhören zu lernen, damit Konflikte nicht eskalieren.
Ja-Wort: Wirtschaftliche Unsicherheit beeinflusst Entscheidung
Verhalten ist, egal um welchen Lebensbereich es geht, von äußeren Umständen abhängig. Das betrifft nicht zuletzt das Ja oder Nein zur Heirat. „Die Zahl der Eheschließungen geht schon über viele Jahre zurück und ist multifaktoriell bedingt“, sagt Andrea Stachon-Groth, Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle im Bistum Münster. So könnten wirtschaftliche und finanzielle Unsicherheiten dazu führen, dass erst mal abgewartet wird, bis ein sicheres Einkommen vorhanden ist. Auch Erfahrungen in der Herkunftsfamilie oder der Peer-Group können Einfluss darauf haben, ob man am Ende vor dem Traualtar landet.
Früher war die Hochzeit in Weiß selbstverständlich. Das hat sich gewandelt. Davon erzählt, auf kirchliche Hochzeiten bezogen, Jan Kölbel, Priester im unterfränkischen Miltenberg: „Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist in den letzten Jahren massiv eingebrochen, in unserer Pfarreiengemeinschaft um zwei Drittel gegenüber 2016.“ Sowohl 2024 als auch 2025 traute der katholische Pfarrer kein einziges Paar. In diesem Jahr allerdings haben sich wieder zwei Paare zur Trauung angemeldet.
Eheschließung: Theologen sehen in Corona einen Wendepunkt
Nach Meinung des Theologen ist ein Grund für die nachlassende Bereitschaft, sich trauen zu lassen, in der Corona-Zeit zu finden: „Die war ein ganz massiver Wendepunkt.“ Viele Brautpaare hätten ihre Trauung einmal, zweimal, mitunter sogar dreimal verschieben müssen. Dann hätten sie gemerkt, dass es auch ohne geht.
Ob man heiratet, hat schließlich auch damit zu tun, wie viel man auf dem Bankkonto hat. Hochzeiten, zumal Traumhochzeiten, kosten, und zwar, wie der in Berlin angesiedelte Kommunikationsservice der Sparkasse auflistet, locker mehr als 10.000 Euro - angefangen von Einladungskarten und dem Brautkleid über die Location bis hin zum Hochzeitsessen. Viele Paare, beobachtet Pfarrer Kölbel in Miltenberg, können sich allein die Kosten für die Gastronomie nicht mehr leisten. Es werde aber auch zunehmend schwieriger, überhaupt eine Location für die Feier zu finden: „Etliche Gaststätten haben geschlossen oder möchten keine Feiern mehr, die bis tief in die Nacht dauern.“
Immerhin 698.400 Männer und Frauen ehelichten sich 2024. Knapp drei Prozent der Paare waren laut Statistischem Bundesamt gleichen Geschlechts: Den 349.200 geschlossenen Ehen im Jahr 2024 stehen mehr als 750.000 Eheschließungen im Jahr 1950 gegenüber, damals natürlich noch ohne Homo-Ehen. Seitdem sinkt die Bereitschaft, sich das Ja-Wort zu geben, kontinuierlich.
Warum sich heute weniger Menschen zur Ehe entschließen
Dass sich nur noch eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen auf eine Ehe einlässt, hat für Partnervermittlerin Christine Stegmann aus dem oberbayerischen Seeshaupt nicht zuletzt mit der seit Jahren krisenhaften Lage zu tun. „Seit Corona ist die Psyche der Menschen angekratzt“, stellt sie fest. Die gesellschaftliche Stimmung bezeichnet sie als „phlegmatisch bis depressiv“. Viele Menschen hätten Zukunftsängste: „Das macht Partnerschaften natürlich schwieriger.“
