Schon als Kind brannte Julian Wendel für Sport: „Ich liebte es, Fußball zu schauen.“ Eines Tages sah der Junge, dass Menschen mit ähnlicher Behinderung wie er im Elektro-Rollstuhl Hockey spielten. Der heute 41-Jährige lebt mit spinaler Muskelatrophie. Heute managt Wendel die Deutsche Nationalmannschaft im E-Rollstuhl-Hockey. Die befindet sich in akuten Geldnöten.
Im Mai steht eine Reise der Nationalmannschaft ins finnische Lahti an. „Dort wird die Weltmeisterschaft im ‘Powerchair Hockey’ ausgetragen“, berichtet Wendel. So nennt sich die Sportart international. Die Teilnahme inklusive Reise kostet 75.000 Euro.
Behindertensport kämpft um neue Finanzierungswege
Bis 2025 wurden Kosten für internationale Wettbewerbe über Sportfördergelder finanziert. 2026 gibt es plötzlich nichts mehr: „Davon erfuhren wir letztes Jahr im Mai.“ Monatelang machten die Mitglieder der Nationalmannschaft medial auf ihr Dilemma aufmerksam: „Über Crowdfunding fanden wir schließlich drei Firmen, die uns die Teilnahme an der WM ermöglichen.“

Der Wegfall der Sportförderung bedeutet für Wendel einen drastischen Einschnitt in Sachen Inklusion. Alle Nationalmannschaften im Behindertensport, die nicht an den Paralympics teilnehmen, sind nach seinen Worten betroffen.
Paralympisch ist Elektrorollstuhl-Hockey nicht, weil hierfür nur Sportarten infrage kommen, die in den verschiedenen Staaten der Erde von einer größeren Anzahl behinderter Personen ausgeübt werden. Schwer Muskelerkrankte haben in vielen Ländern keine Chance, Sport zu treiben. Wendel kämpft dafür, dass sie zumindest in Deutschland erhalten bleibt. Die 25.000 Euro jährlich für Trainingsmaßnahmen, die bis dato über die Sportförderung geflossen sind, wurden für 2026 ebenfalls komplett gestrichen.
Weniger Förderung trifft Vielfalt im Behindertensport
Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) mit Sitz in Frechen bestätigt, dass die Angebotspalette im Behindertensport nicht mehr so wie früher gefördert werden könne. Dazu reichten die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel nicht aus. Es sei notwendig gewesen, Prioritäten zu setzen, erklärt Pressesprecherin Nicole Kirsch. Die neuen Fördersätze seien mit dem Bundeskanzleramt abgestimmt. Kürzungen seien auch nicht allein auf reduzierte Haushaltsmittel zurückzuführen, „sondern vielmehr auf erhebliche Kostensteigerungen im Wettkampf- und Lehrgangsbetrieb und die stark gestiegene Nachfrage nicht-paralympischer Sportarten“.
Was den DBS veranlassen konnte, seine Sportförderung so radikal zurückzufahren, verstehe sie nicht, sagt Meike Lüder-Zinke, Ärztin aus Hannover. Die Rollstuhlkarate-Lehrerin baute 2017 den Fachbereich Rollstuhlhandball im Deutschen Rollstuhl-Sportverband (Duisburg) auf. Lediglich die „Aktion Mensch“ habe ihr dabei geholfen: „Sonst erhielt ich keinerlei Fördergelder.“

Seit 2024 existiert eine Bundesliga im Rollstuhl-Handball mit sieben Mannschaften. Nun soll eine Nationalmannschaft gegründet werden. Dies zu finanzieren, sei extrem schwierig, sagt Lüder-Zinke: „Ich hab deswegen gerade schlaflose Nächte.“
Inklusiver Behindertensport eröffnet neue Chancen für Teilhabe
Sport zu treiben und sich im Wettbewerb zu bewähren, ist in den Augen der Betriebsärztin der Landeshauptstadt Hannover für Menschen mit Behinderung essenziell: „Durch Teilhabe im Sport fühlen sie sich gleichberechtigt.“ Grundsätzlich sei Sport für alle Menschen zur Gesundheitsförderung von Bedeutung, weshalb er prinzipiell stärker gefördert werden müsste. Für behinderte Menschen sei Sport vor allem deshalb noch wichtiger als für die nicht-behinderte Bevölkerung, da ihnen viele andere Freizeitaktivitäten aufgrund ihres Handicaps verwehrt seien. Zudem ermögliche es der inklusive Sport, dass Athleten, die sich ein Handicap zuziehen, weiterhin Sport treiben können.
Für die Entscheidung des Behindertensportverbandes, Fördermittel so stark zu kürzen, gibt es nach Ansicht von Conny Frank Fritsch, Cheftrainer der Nationalmannschaft für Fußballer mit Cerebralparese (CP), keine Entschuldigung. „Was hier passiert, ist ein absoluter Skandal“, empört sich der durch einen Unfall hirngeschädigte Sportler aus dem niederbayerischen Kumhausen. Sein Kader besteht aus 200 über Deutschland verstreute Spieler, die wegen Hirnschäden an Bewegungsstörungen leiden. 2025 belegte die Nationalmannschaft den vierten Platz bei der Europameisterschaft.
Sponsoren gesucht: Behindertensport braucht Unterstützung
Nach dem kompletten Wegfall der Sportförderung bemüht man sich auch im nicht-paralympischen CP-Fußball gerade um Sponsoren: „Das ist unfassbar schwierig.“ Sponsorengeld bräuchte Fritsch, damit seine Mannschaft im Oktober an der Weltmeisterschaft in Atlanta in den USA teilnehmen kann. Rund 80.000 Euro kostet das. 2025, sagt er, wären die Kosten komplett übernommen worden.
