Wem singst du „Halleluja“?

Andacht
Wem singst du „Halleluja“?

Predigttext
22 So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Der Predigttext ist wie eine Analyse der modernen Gesellschaft und benennt die heute angesagten Werte: 1. Du musst Durchblick haben. 2. Du musst dich durchsetzen. 3. Du brauchst Geld, um deine Träume zu verwirklichen.

Im digitalen Zeitalter braucht man den Überblick, um die Fülle von Informationen verstehen und echte Nachrichten von Fake News unterscheiden zu können. Im Netz folgen User massenhaft den wenigen Influencerinnen und Influencern sowie Anbietern. Die erklären einem, was angesagt ist: welche Mode, welche Hobbys, welche politische Überzeugung, welche Konsumwaren. So können sie ihre Deutung der Welt durchsetzen, ihren Einfluss steigern und ihre trendigen Produkte verkaufen.

Ein Ruhmeslied für sich selbst?

Manche werden dabei reich. Viele träumen noch davon: 1. Bildung, 2. Einfluss, 3. Vermögen. Darauf kommt es an, um die selbstgesteckten Lebensziele und sich selbst zu verwirklichen. Wer es schafft, kann „sich selbst rühmen“. Dafür steht hier im hebräischen Urtext dasselbe Wort wie bei dem berühmten Ausruf „Hallelu-ja“ = „rühmet/preiset – den Herrn“. Hier aber rühmt/preist man sich selbst für die Verwirklichung seiner Ideale. Man singt das „Halleluja“ sozusagen auf sich selbst.

Schon vor 2600 Jahren galt im biblischen Juda und Jerusalem: Wer gebildet ist, kann Karriere machen; wer Macht hat, wird als Held verehrt; wer reich ist, kann sein Vermögen mehren. Doch das führte schon damals zur Entsolidarisierung.

Diejenigen, die Verantwortung für die Gesellschaft trugen, waren nur noch um ihr privates Glück besorgt. Die Starken lebten auf Kosten der Schwachen. Die Einflussreichen herrschten über die ohne Lobby. Die Reichen vermehrten ihr Vermögen, indem sie das Recht der Armen ignorierten. Das war schon damals der Preis der Individualisierung.

Schon damals wurden Gott und sein Gemeinschaftswille vergessen – nicht erst in der Moderne. Die Gründe sind damals wie heute dieselben: Man will sich auf sich selbst verlassen, autark und selbstbestimmt leben, Glück nur der eigenen Bildung, Macht und Finanzkraft verdanken. Schon damals ersetzten moderne Götter den lebendigen Gott: Künstler formten Symbole von Macht und überzogen sie mit kostbarem Gold. Mit den Götterbildern verehrten sie sich selbst und die Werte, die jede und jeder für sich erlangen wollte: Bildung, Macht und Besitz.

Einer erhebt dagegen seine Stimme. Jeremia deckt auf, was die Gesellschaft verliert, wenn sie Gott und seine Weisungen verliert: ihren inneren Zusammenhalt. Im 9. Kapitel sieht der Prophet schon das Unheil am Horizont heraufziehen, das daraus erwächst. Wer sich selbst das „Halleluja“ singt, verliert mit dem Gott Israels auch die Bedürftigen in der Gesellschaft aus den Augen: 1. die „Ungebildeten“ – Flüchtlinge zum Beispiel, die Hilfe zur Integration brauchen; 2. die „Schwachen“ – Kinder zum Beispiel, die Einsatz für ihre Rechte brauchen; 3. die „Armen“ – Langzeitarbeitslose zum Beispiel, die eine Perspektive brauchen.

Güte, Recht und Gerechtigkeit

Auch heute driftet die Gesellschaft immer weiter auseinander. Der Kitt geht verloren, der uns zusammenhält und für andere einstehen lässt. In der Pandemie sieht man das wie im Brennglas: Die Corona-Schutzmaßnahmen werden meistens deswegen abgelehnt, weil sie die individuellen Freiheiten für den Einzelnen einschränken. Sie werden als Grenzen der eigenen Selbstverwirklichung bekämpft, während sie doch besonders Alte, Vorerkrankte und Schwache schützen sollen.

Gott aber hat sein Wohlgefallen an 1. Güte (wörtlich: „Solidarität“), 2. Recht und 3. Gerechtigkeit (wörtlich: „Gemeinschaftstreue“). Kirche kann heute neue Relevanz gewinnen, wenn sie sich für Gott und seine Werte einsetzt und ermöglicht, diese vor Ort zu realisieren.

Darum hat die Synode des Kirchenkreises Minden kürzlich einen theologisch begründeten Aufruf zum Impfen verabschiedet. Die kreiskirchliche Flüchtlingshilfe vermittelt Impfangebote. Eine Gemeinde hat eine Impfaktion selbst organisiert, die besonders Benachteiligten im Quartier zugutekam.

Kirche sollte sich für die Schwachen einsetzen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. So kann die moderne Gesellschaft wieder erleben, warum es gut ist, dass wir Gott und nicht uns selbst das „Halleluja“ singen – und das nicht nur sonntags im Gottesdienst.

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