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„Wehe, Sie schlagen ein vegetarisches Kirchenfest vor”

Rainer Hagencord ist Theologe und Biologe. Im Interview spricht der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie Münster über das Verhältnis von Kirche und Tieren – und was daran falsch ist.

Auf eine Bratwurst verzichten Christinnen und Christen ungern, hier vor der Potsdamer Nikolaikirche
Auf eine Bratwurst verzichten Christinnen und Christen ungern, hier vor der Potsdamer NikolaikircheImago / Chromorange

Wie steht es um das Verhältnis von Kirche und Tieren?
Rainer Hagencord: Ich sage mal ganz spitz: Die Kirche hat doch die Tiere total vergessen. Betrachten Sie das Weihnachtsfest, das gerade hinter uns liegt. Es ist das Fest der Liebe, beim Krippenspiel gaben Kinder den Hirten, das Schaf oder auch den Esel und am Abend danach kam dann Fleisch auf den Tisch und dieses Fleisch kam überwiegend aus industrieller Tierhaltung. Das hat nichts mehr mit Jesajas Friedensvision zu tun.

Die lautet wie?
Jesaja hat in seiner Friedensvision von einer Welt gesprochen, die ohne Gewalt auskommt, unter den Menschen, aber auch unter den Tieren. Wir haben in der Bibel an zentraler Stelle eine Theologie, die ich gern mit dem „Gesicht zum Tier“ nenne. Die Autorinnen und Autoren der Bibel haben in der Nachfolge Jesu immer auch die Tiere im Blick gehabt. Doch spätestens seit der Aufklärung leben wir in einer Kirche und Theologie, die den Tieren den Rücken zugedreht hat.

Rainer Hagencord leitet das Institut für Theologische Zoologie der Uni Münster
Rainer Hagencord leitet das Institut für Theologische Zoologie der Uni MünsterImago / Horst Galuschka

Wie wird das deutlich?
Darin, dass wir im Weihnachtsgottesdienst über Ochs und Esel und ihre Bedeutung sprechen und die Menschen am Abend ihr Fleisch aus der Massentierproduktion essen. Wehe, Sie schlagen ein vegetarisches Pfarrfest vor. Wehe, Sie schlagen vor, dass in kirchlichen Kantinen nur noch einmal die Woche Fleisch serviert wird. Wobei: Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt und merke schon, dass sich gerade bei den jungen Menschen etwas getan hat. Aber der Mainstream der Gemeinden geht immer noch auf die Barrikaden, wenn es keine Grillwurst auf dem Kirchenfest gibt. Und daran wird auch deutlich, dass das, was ich gerade Theologie mit dem Rücken zum Tier genannt habe, letztlich wesentlicher Bestandteil der kirchlichen Lehre ist.

Die aber im Widerspruch zu den biblischen Texten steht?
Absolut. Sie können ja nur mal die ersten fünf Seiten aufschlagen, wo wir die beiden ersten Schöpfungserzählungen haben, denken Sie aus diesen Texten mal die Tiere weg, dann haben Sie nur Gerippe. Die Tiere sind in der Bibel eben nicht nur Statisten und die Natur ist nicht nur Kulisse, sondern sie haben im Grunde eine dreifache Verhältnisbestimmung des Menschen zum Tier.

Rainer Hagencord: Kirche trägt Verantwortung für Tiere”

Es gibt eine ethische, eine partnerschaftliche und eine mystische Dimension. Thomas von Aquin sagt, dass die Tiere die zuerst gesegneten von der Schöpfung sind. Er spricht von einer Gott-Unmittelbarkeit der Tiere, die wir Menschen verloren haben. Die Tiere sind Bündnispartner Gottes nach der Sintflut und sie sind Vorbilder für Hiob, für Jesus und so viele andere.

Die Kirche trägt also besondere Verantwortung für die Tiere, weil sie in gewisser Weise Grundlage für die Kirche sind?
Das tut sie. Doch stattdessen ist Kirche mitverantwortlich für die Zerstörung der Lebensräume. Unser Konsum und unser Verhalten vernichtet die Lebensräume von Millionen von Arten – in unserem so glorreichen christlichen Europa. Diese Vernichtung der Lebensräume hat wesentlich mit der Anthropozentrik, der Fokussierung auf den Menschen, zu tun und damit, dass wir glauben, dass Gott ausschließlich die Menschen mit einer unsterblichen Seele ausgestattet hat. Die Tiere sind danach seelenlose Automaten. Insofern hat sich eine Theologie breit gemacht, die das letztlich tatenlos so hinnimmt. Mitleid gegenüber Tieren? Wo kommt das denn vor?

Aber Kirche könnte das ändern?
Ich rede gern von der Macht der Kirchen, was den Bildungsbereich betrifft, aber auch von der Macht über die Kantinen. Man stelle sich einmal vor, dass alle kirchlichen Kantinen anfangen, mit kleinbäuerlichen und mittelständischen bäuerlichen Betrieben zu kooperieren, die nach Bioland oder Demeter-Kriterien Tiere halten und Lebensmittel erzeugen. Wenn man einmal in der Woche Fleisch und an den restlichen Tagen eine hoch wertvolle vegetarische Ernährung anbieten würde – was wäre das für ein Zeichen!

Warum schützt die Kirche die Tiere nicht besser?
Ich antworte mit Worten von Rilke aus dem Jahr 1905, der einen Zusammenhang hergestellt hat zwischen der Jenseitsgläubigkeit und der Zerstörung der Erde. Er meinte, dass die ewige Rede vom Jenseits, vom Himmel, von der Erlösung, wesentlich dazu beiträgt, dass wir die Erde verraten haben. Diese Erde ist voll von Aufgaben und Auftrag. Wir sollten uns der Erde zuwenden und nicht ständig vom Himmel und Erlöstheit unserer Seele sprechen – was auch immer das sein mag.

Nochmal: Warum ist das so?
Wenn wir in die biblischen Texte schauen, dann haben wir zwei große Themen: die Schöpfung und die Erlösung. Paulus hat noch gesagt, die ganze Schöpfung wartet auf das Erlöstsein. Im Laufe der Zeit geriet die Schöpfung zunehmend in den Hintergrund und die Erlösung trat in den Vordergrund. In einem zweiten Schritt kommt die Erlösung nur noch den Menschen zu, es entwickelt sich ein exklusives Erlösungsdenken. Und spätestens in der Neuzeit wird den Tieren die Seele abgesprochen, dann ist wirklich kein Platz mehr für sie.

Auch Kühe auf einer Weide sollte die Kirche respektieren, sagt Rainer Hagencord
Auch Kühe auf einer Weide sollte die Kirche respektieren, sagt Rainer HagencordImago / Lars Reimann

Ist denn alles nur schlecht in Sachen Kirche und Tiere?
Nein. Als ich 2004 zu dem Thema promoviert habe, da haben die meisten noch bei so etwas wie Tierfriedhöfen und Tiergottesdiensten gelacht. Das ist heute anders. Da hat sich ganz viel getan und es ist mir wichtig, das zu betonen. Wenn ein Haustier stirbt, ist es für viele so, als würde ein Familienmitglied sterben, es ist daher wichtig, dass wir als Kirche dort dabei sind. Diese Angebote sind gut und wichtig. Die Trauer um geliebte Tiere zeigt uns deutlich, dass Tiere niemals schuldig werden. Schuldig werden nur wir. Tiere sind immer präsent, immer unvoreingenommen, immer voller Emotionen. Das gilt aber nicht nur für den Hund, sondern auch für das Rind und die Pute.

Gibt es Tiere, die in der Bibel eine besondere Rolle spielen?
Mit Ochs und Esel vom Weihnachtsfest haben wir schon so Prototypen der Gottesnähe, keine Frage. Aber grundsätzlich verweise ich auf die Erzählung der Arche Noah. Im Gegensatz zur Schöpfungserzählung ist hier nicht alles gut, hier wird das Verhalten des Menschen reflektiert und der kann eben eines nicht: Frieden leben. Es gibt nur einen Einzigen der den Frieden lebt und zwar mit allen Geschöpfen – und das ist Noah. Und welche Tiere soll er mitnehmen? Von jeder Art ein Paar. Nicht nur die Niedlichen und Nützlichen, wir brauchen alle. Gott unterscheidet auch nicht, er ist ein Liebhaber des Lebens und zwar in allem, was sich zeigt.

„Theologische Zoologie“ – mögen Sie das einmal erklären?
Es ist eine Anspielung auf die theologische Anthropologie, das christliche Menschenbild. Da es bisher aber keine theologische Würdigung der Tiere gab, habe ich diesen Begriff geprägt. In unserem Institut wollen wir die Tiere würdigen, und das machen wir interdisziplinär und unterreligiös. Das Besondere ist, wenn Sie erstmal anfangen, die Bibel mit einer Brille der zoologischen Theologie zu lesen, dann gehen Ihnen Welten auf.