“Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?” – Bestatter Eric Wrede erzählt

Sich mit dem Lebensende zu beschäftigen, ist lebensbejahend

Eric Wrede hat in den vergangenen Jahren Furore gemacht in der hiesigen Bestatter-Szene - und darüber hinaus bis zum Kino. Der 45-Jährige stellt die Menschen ins Zentrum seiner Arbeit: die Toten, aber auch die Lebenden.

Mit Särgen verdient er schon lange kein Geld mehr: Der Berliner Bestatter Eric Wrede - der zuvor in der Musikbranche arbeitete und Musiker wie Marius Müller-Westernhagen managte - hat es zum inoffiziellen Titel "Deutschlands bekanntester Bestatter" gebracht, einem Bestseller sowie einem Fernsehspielfilm über sein Leben. Am 27. November läuft außerdem der Dokumentarfilm "Der Tod ist ein Arschloch" über ihn und seine Mitarbeiter im Kino an. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit Wrede über die private und gesellschaftliche Bedeutung von Trauer, seine eigene Angst vor dem Sterben - und seinen plötzlichen Promi-Faktor.

Frage: Herr Wrede, wieso wünschen sich so viele Menschen heute einen individuellen Abschied - ist das der Zeitgeist? Oder einfach ein menschliches Bedürfnis, dem endlich Raum gegeben wird?

Antwort: Zum einen erleben wir eine Generation, die gerade ins Alter des Sterbens kommt, die anders ist als die Generationen vor ihr. Die weiß, ich darf einen Anspruch haben an das, was am Lebensende passiert, die möchten eigene Entscheidungen treffen.

Und dann ist es natürlich auch so, dass die Rituale, die lange die Kirche und in der DDR der Staat vorgegeben haben, immer weiter zurückgehen. Und wir gesellschaftlich schauen, was von dem, was wir bis jetzt gemacht haben, hilft uns denn wirklich in Trauer und Abschied?

Frage: Und - was hilft wirklich?

Antwort: Psychologen sprechen bei Trauer von so etwas wie einer Anpassungsstörung: Ich habe eine Situation, die ich nicht möchte, mit der ich aber leben muss. Es geht fast immer darum, aktiv zu werden, Sachen selber in die Hand zu nehmen. Also dieses "wir gehen zum Bestatter und der macht dann schon alles", das geht zurück. Und hin zu Familien- und Freundeskreisen, die überlegen, wo und wie sie sich einbringen können.

Auch werden viele Rituale neu überprüft. Welche bringen uns menschlich wirklich etwas? Im Süden der Republik, gerade im ländlichen Raum, sind die häuslichen Aufbahrungen wieder auf dem Vormarsch, das finde ich total schön. Das ist eins der Rituale, wo man sehr gut sehen kann, wie gut es Menschen tut, noch Zeit mit dem oder der Verstorbenen zu verbringen. Unser Gehirn ist da sehr, sehr langsam, aber dieses Haptische - den Toten zu sehen und gegebenenfalls auch mal anzufassen und zu spüren, dass das, was wir als Leben kennen, jemanden verlassen hat -, das ist der erste wichtige Schritt, um überhaupt in den Trauerprozess zu kommen.

Frage: Besteht Ihre Rolle darin, den Menschen solche Gestaltungsspielräume zu öffnen?

Antwort: Was wir beobachten können, ist, wie sich ein gesunder Trauerprozess auf lange Sicht positiv auswirkt. Demnach erleben Menschen ein persönliches Wachstum, werden resilienter und empathischer. So schwer der Verlust ist, so wichtig ist, dass man durch diese Prozesse geht. Ich glaube, das ist mittlerweile der Hauptteil meiner Aufgabe: Trauer ein bisschen zu rehabilitieren - als einen eigentlich total positiven Prozess. Wir begreifen uns deshalb auch eher als Trauerbegleiter, und das Bestatten ist das, was in dem Prozess passiert.

Frage: Vor kurzem hat Rheinland-Pfalz ein liberales Bestattungsgesetz beschlossen: Man darf dort jetzt zum Beispiel die Asche eines Angehörigen im eigenen Garten beisetzen. Wie finden Sie diese Lockerungen?

Antwort: Die meisten Bedürfnisse, die ich erlebe in unserer Arbeit, sind erfüllbar. Es gibt kaum etwas, das ich nicht umsetzen kann. Wenn Familien sagen, der klassische Friedhof ist nicht das, was uns in unserer Trauer etwas gibt, dann liegt das oft daran, dass die gar nicht wissen, was für gut gemachte Friedhöfe es mittlerweile gibt. Aus meiner Sicht braucht es eine generelle Liberalisierung eigentlich nicht.

Was es aber braucht, ist die Verlängerung von Fristen. Zum Beispiel, wenn es um die Bestattung von Urnen geht. In Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden, wo es eine solche Bestattungspflicht nicht gibt, werden die meisten Urnen am Ende an einen institutionellen Ort gebracht. Die Menschen lassen sich aber teilweise ein halbes Jahr Zeit dafür. Das könnte eine der größten Erleichterungen auch hierzulande sein: Druck rauszunehmen. Denn die Zeit, die ich habe, um herauszufinden, was möchte ich eigentlich, die ist häufig viel zu kurz.

Frage: Sie haben einen ungewöhnlichen Lebensweg. Wie kam es, dass Sie vom Musikmanager zum Bestatter wurden?

Antwort: Ich war damals an einem Punkt, wo ich dachte, das ist jetzt nicht das, was ich machen möchte, bis ich 70 bin. Dann hab ich zufällig ein Radiointerview mit dem katholischen, damals sehr fortschrittlichen Bestatter Fritz Roth gehört. Und der Mann traf einen Nerv in mir. Der hat mit einer Energie und Überzeugung von seiner Arbeit erzählt, das hat mich umgehauen. Das war so eine der Initialzündungen. Zu sehen: Sich mit dem Lebensende zu beschäftigen, ist eigentlich etwas zutiefst Lebensbejahendes. Etwas, was auf Menschen zugerichtet ist.

Und wenn ich dann sehe, was damals vor zehn Jahren noch gar nicht abzusehen war, wie gesellschaftlich relevant die Kompetenz, zu trauern, wird! Wir sind in einer Zeit des permanenten Trauerns. So viel steht in Frage: Der wirtschaftliche Wohlstand, die Umwelt, der lange währende Frieden. Deshalb glaube ich, dass die Arbeit der Trauerbegleitung und Bestattung eine gesellschaftlich zutiefst relevante Aufgabe ist.

Frage: Sind Sie selbst religiös?

Antwort: Nein. Und das ist, glaube ich, auch gut in dem Kosmos, in dem ich arbeite. Ich möchte den Menschen möglichst frei gegenüber treten. Ganz wichtig: Ich würde nie über jemanden urteilen, der glaubt. Aber ich selber bin leider aus dem Topf der Atheisten rausgestiegen. Ich arbeite allerdings sehr eng und auch wirklich gut mit der Kirche zusammen.

Frage: Gibt es eigentlich Parallelen zwischen Musik- und Bestattungsbusiness?

Antwort: Ich glaube schon. Es geht immer darum, zu gucken: Was wollen Menschen? Kultur, die auch darauf aus ist, dass Menschen sie wahrnehmen, hat immer auch mit dieser Frage zu tun. Die immer wieder neu zu analysieren, ist etwas, was ich auch als Bestatter mache. Und nicht zu denken, dass das, was ich vielleicht gestern gemacht habe, auch morgen noch die Antwort sein wird.

Und das Zweite: Jeder, der mal das Glück hatte, mit Künstlern arbeiten zu dürfen, weiß, dass das häufig sehr sensitive Charaktere sind. Sicherlich nicht so sensibel wie jemand, der in einer akuten Trauerphase ist. Aber das schult natürlich sehr, sehr gut. Da hören die Gemeinsamkeiten aber zum Glück auch schon wieder auf. Nicht umsonst habe ich ja meinen alten Beruf an den Nagel gehangen und mache jetzt etwas Anderes.

Frage: Der ZDF-Fernsehspielfilm "Sterben für Beginner" - am Montag um 20.15 Uhr bei 3sat zu sehen - erzählt genau davon. Wie war das, selbst zum Filmstoff zu werden?

Antwort: Sich sozusagen selbst auf der großen Leinwand zu sehen, das war schon etwas sehr Absurdes - und deshalb konnte ich damit auch gut umgehen. Die haben übrigens weniger dazu erfunden in der Geschichte, als man so glauben würde. Ein wirklich charmant gemachter Film. Und Edin Hasanovic, der mich spielt, ist natürlich ne Granate!

Frage: Sie sind durch Ihre mediale Präsenz eine Art Promi geworden - ist das ein Aspekt an Ihrem Beruf, den Sie mögen?

Antwort: Nein (lacht)! Ganz klar, das ist nicht das, was ich brauche. Ich hab mal ein Gespräch gehabt mit Elisabeth Ruge, der Tochter des ARD-Journalisten Gerd Ruge. Und die meinte so schön zu mir: "Eric, manchmal muss man Aufgaben einfach annehmen." Je schwieriger Themen sind, umso eher brauchen wir Menschen, auf die wir sie reduzieren. Und wenn ich mit dem, was ich mache, dabei helfen kann, dass wir anfangen darüber nachzudenken, wie wir unser Lebensende gestalten, wie wir uns verabschieden wollen; dann ist das vielleicht eine Aufgabe - da werde ich dann doch irgendwie religiös! -, die mir jemand gegeben hat. Die ist dann vielleicht einfach anzunehmen. Aber es ist nicht so, dass ich mich darum prügele.

Frage: In dem Dokumentarfilm "Der Tod ist ein Arschloch" - ab Donnerstga im Kino - erzählen Sie, dass Sie "total Schiss" vor dem eigenen Tod haben. Diese tägliche Beschäftigung damit, die lässt den Tod nicht an Schrecken verlieren?

Antwort: Auf gar keinen Fall. Ich glaube, das ist eine Illusion. Ich hab eine hypochondrische Ader, und da ist Bestatter wahrscheinlich nicht die schlauste Berufswahl - auch wenn der Rest toll ist. Denn natürlich höre ich nie Geschichten, die gut ausgehen. Da wird aus den Kopfschmerzen immer irgendwas richtig Schlimmes. Was ich aber aus dem Beruf für mich ziehe, ist ein sehr klarer Blick auf das, was ich möchte - und das, was ich nicht möchte. Der Fokus verändert sich, Probleme werden in Relation gesetzt. Und das ist etwas, was mir gut tut.

Frage: Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, was einmal auf Ihrem Grabstein stehen soll?

Antwort: Auf meinem Grabstein soll nicht viel mehr stehen als: "Ich habe gelebt. E. W."

Frage: Aufs Wesentliche reduziert.

Antwort: Ja, auf das, was ich mitgeben kann - das ist ja auch eine Aufforderung. Ich habe keine Lust, zu sterben. Wenn ich aber jetzt umfalle, kann ich sagen, so richtig viel habe ich nicht ausgelassen. Ich hoffe natürlich, dass trotzdem noch ganz viel kommt, was man nicht verpassen möchte.

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