Predigttext
29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.
Das wünsche ich mir auch: Ginge doch von unserer Kirche so eine Strahlkraft aus! Ich meine nicht den Versuch, den Glanz Gottes durch barocke Goldausstattung der kirchlichen Innenräume abzubilden. Das fasziniert mich wenig.
Aber wie wundervoll wäre es, wenn wenigstens hin und wieder so ein bisschen Heiligkeitsglitzern oder hier und da ein kleines Frömmigkeitsblinken im kirchlichen Leben zu finden wäre. Ein Leuchten auf den Gesichtern der Predigenden, ein Glänzen in den Augen der Menschen, die aus den Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen kommen, etwas, das anschaubar von Gott durchscheint und für alle sichtbar ist.
Ich will mich nicht damit zufriedengeben, dass es solche faszinierenden Lichtmomente nur für das individuelle Glaubensleben gibt. Dann wird es zwar für einen selbst hell und klar und schön. Für andere aber bleibt „diese Decke“ darüber. Und ich mag mich zudem nicht damit abfinden, dass das Klagelied „der Lack ist ab“ angestimmt und sich höchstens noch im Glanz alter Tage gesonnt wird.
Das alte Scheitern ist vergeben
Dem ist gar nicht so. Wir haben die schönste und wichtigste Botschaft der Welt: Gott ist gnädig und schenkt seinen Menschen Freiheit und gute Gebote. Das ist auch das, was Mose bei diesem zweiten Empfang der Gebote erfährt: Das alte Scheitern ist vergeben, der letzte Scherbenhaufen zählt nicht mehr. Gott wendet sich gnädig zu dem Menschen, seinem Volk, dieser Welt. Immer wieder neu.
Das führt zu dem Leuchten, dem Glanz, der Herrlichkeit, wovon Mose etwas abbekommen hat. Und in dieser Tradition stehen wir und setzen uns dafür ein, dass etwas von dieser Schönheit des Glaubens hineinstrahlt in die Welt.
Jesu Herrlichkeit – auch ohne Glanz
Aber ich will dazu verstehen, warum Gott eben genau nicht solche Hingucker schafft und es offensichtlich nicht funkeln, nicht leuchten, nicht blitzen lässt. Die Erzählung der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor erschließt es mir. Nur dort wird sein Angesicht von den drei anwesenden Jüngern leuchtend wie die Sonne wahrgenommen. Ansonsten wird er eben als Mensch erkannt mit Straßenstaub, Wegesschweiß und Alltagspatina.
Und trotzdem erzählen die Menschen von ihm: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1, 14). Weihnachten ist nicht lange her. Da haben wir es als Kirche gefeiert, dass Gott es so will und wählt. Er entscheidet sich gegen Glanz und Gloria, Samt und Seide, Palast und Purpur, Thron und Teppich.
Gottes Wahl fällt auf Krippe und Kreuz
Seine Wahl fällt auf Krippe und Kreuz, Stall und Sterben. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sein Licht leuchtet in der Finsternis, selig sind bei ihm Leidtragende, unten ist oben und die Werte dieser Welt auf den Kopf gestellt. Er sagt: Wenn wir ihn sehen wollen, dann dort, wo einem seiner geringsten Geschwister Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit widerfährt.
Und das sehe und erlebe ich immer wieder im gemeindlichen Leben: Menschen, die etwas von dieser Gnade abbekommen, mitbekommen haben und sie leben, strahlen etwas aus. Sie machen die Welt heller und schöner und bringen den Alltag zum Glänzen.
Ich begreife, so ist Gottes Art. Er wählt die Decke von Philipper 2 und den Shabby-Chic des Kreuzes. Es ist der Weg seiner Gnade, nicht als großer Triumphator strahlend über dem Weltgeschehen, sondern als Allmächtiger und Gnädiger mittendrin zu sein. Genau darin ist er so wunder-voll! Und das macht den Glauben im tiefsten Sinne des Wortes wunder-schön! Gerade mit Patina und Alltagsstaub.
Und ohne Wunderglanz, Allmachtsglitter und Powerstrahlen sind wir als seine Kirche so unterwegs. Ein bisschen schade zwar, theologisch aber richtig.
