Inklusion als kirchlicher Auftrag

Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist kein Zusatzthema, sondern gehört zum Kern evangelischen Glaubens und kirchlichen Handelns. Ein Beitrag von der Berliner Pröpstin Christina-Maria Bammel.
„Vollspast – Alexander Abasov rollt ins Berufsleben“. Ein krasser Titel für ein Buch! „Eine Inklusion mit Behinderungen“ – der Untertitel. Alexander Abasovs damaliger Chef Martin Keune, Geschäftsführer einer Werbeagentur, nennt es „Erlebnis­bericht“. Es gab enorme Hürden, um dem Rollstuhl fahrenden Tetraspastiker nach einem Betriebspraktikum eine Ausbildung zum Mediengestalter zu ermöglichen. Dazu brauchte es eine Menge Beharrlichkeit, nicht nur von Alexander Abasov, sondern auch von Martin Keune. Das Buch ist vor 15 Jahren erschienen. Martin Keune ist 2017 gestorben. Alexander Abasov steht beziehungsweise rollt weiterhin mitten im Beruf. Sind wir bei der Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung wirklich weiter? Es ist das zutiefst beeindruckende Engagement von ideenreichen und mitreißenden Menschen, das zu gelungenen und gelingenden Beispielen von Inklusion führt. Es geht um ein vielfältiges Wir, so hürdenfrei wie möglich,das die unterschiedlichen Ausgrenzungsrisiken immer wieder neu in den Blick nimmt. Armut etwa ist auch so ein erheblicher „Ausgrenzer“.

Inklusion in Kirche hat begonnen

Wir stehen da nicht am Anfang. Ich denke etwa an die Sichtbarkeit und Wertschätzung von Vielfalt an Evangelischen Schulen – ob nun mit Blick auf Herkunft, Familie, Identität, Lernen oder Körper, an den 2022 entstandenen und jährlich fortgeschriebenen „Aktionsplan Inklusion“ der Evangelischen Jugend EJBO, an einzelne Projekte von Gemeinden und Kirchenkreisen, die tagtäglich gelebte Inklusion zeigen, ohne dass dies besonders herausgestellt würde. Inklusion ist kein „Das auch noch“-Thema. Es gehört zur Erkenn-barkeit der Evangelischen Kirche: In jedem Menschen Gottes anerkennendes und rufendes Ja zu erkennen, Gottes Ebenbild zu sehen – in der Bedeutung, die etwa Julia Watts Belser, jüdische Theo­login und Inklusions-Aktivistin, in ihrem Beitrag zu Disability und Gottebenbildlichkeit in dem sehr empfehlenswerten ­Aufsatzband „Andere Geschichten erzählen“ auf starke Weise ent­faltet: „Gott kennt Räder und Blindheit aus eigenem Erleben.“ Dabei bezieht sich Julia Watts Belser auf unterschiedliche biblische Redeweisen von Gott. So werden gerade nicht von einem bestimmten „normierten“ Gottesbild her Menschen auf bestimmte Normen festgelegt. Denn ansonsten würde der Reichtum und die Kraft unseres Glaubens verkümmern. Es würde nämlich Gott spotten, mag man sich auch auf ein „christliches Abendland“ berufen. Inklusion aus schulischen Auf­gaben rauswerfen, das hat sich die AfD offen auf ihre Wahlprogramm-Liste des Schreckens gesetzt. Ebenso wie „Sonderklassen für Flüchtlingskinder“. Es geht systematisch um Ausgrenzung, auch wenn behauptet wird, hier ginge es bloß um getrennte Praxis. Das Bild dahinter, das einer „homogenen“ Gesellschaft, ist unerträglich und verlangt als Antwort eine noch entschiedenere systematische Inklusion.

Strukturen für Inklusion nötig

Es reicht nicht, diese nur zu beteuern. Das Tun entscheidet. Und da ist so vieles noch längst nicht selbstverständlich oder wird eben wieder in Frage gestellt. Inklusion braucht über das Engagement Einzelner für die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen hinaus die Organisation in ihrem Aufbau: Inklusives Handeln muss strukturell verankert sein und in ­jedem kirchlichen Bereich, auf jeder Ebene und in jedem Projekt ebenso selbstverständlich werden wie etwa ökologisch nachhaltiges Entscheiden. Das geht gemeinsam, wenn wir Inklusion nicht als zusätzliche Arbeit sehen, sondern als eine – anders als bisher – gestaltete Arbeit, etwa mit einem landeskirchenweiten „Aktionsplan Inklusion“ mit Prüf- und Checklisten und konkreten Beispielen. Die Kirchenleitung hatte für damit verbundene Beteiligungs- und Beratungsangebote finanzielle Mittel bereitgestellt. Leitend ist dabei, dass keine Entscheidungen ohne und schon gar nicht über Menschen mit ihren Verschiedenheiten hinweg geschehen. „Nichts über uns ohne uns!“

EKBO-Netzwerktag Inklusion am 14. Februar

Damit verbunden geht es praktisch nach wie vor um Perspektivwechsel – weg vom Defizit-Blick und weg von den kulturellen Festschreibungen, was Norm und normal sei. Mehr Routine im Austausch und in der Vernetzung sind gefragt. Zum Beispiel am „EKBO-Netzwerktag Inklusion“ am Samstag, 14. Februar, ab 11 Uhr im Zentrum Dreieinigkeit, Lipschitzallee 7, Berlin-Gropiusstadt. Mit Alexander Abasov und Pfarrerin Nora Rämer geht es um aktuelle Themen und Projekte. Melden Sie sich gerne noch an mit einem Anruf unter Telefon: 030/24 34 43 50 oder einer E-Mail an ekboinklusiv@ekbo.de oder kommen Sie spontan vorbei – und melden Sie sich bitte auch dann, wenn Sie informiert bleiben möchten und dieses Mal (noch) nicht mit dabei sein können. Christina-Maria Bammel ist Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Sie leitet die Abteilung Theologische Grundsatzfragen und Kirchliches Leben. Dazu gehört auch die Unterstützung und Förderung der Inklusionsvorhaben in der Landeskirche.
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Ein Beitrag von:

Constance Buerger

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