Marschall Pétain kollaborierte mit den Nazis und wurde 1945 zum Tode verurteilt. Dennoch wird seither alljährlich in Verdun eine Messe für ihn gefeiert. Mit dem Segen der Kirche - aber zum Entsetzen des Bürgermeisters.
Eine religiöse Feier im Gedenken an den französischen Marschall Philippe Pétain könnte Frankreichs Justiz noch länger beschäftigen. Mit gerichtlicher Genehmigung war am Samstag in Verdun eine Gedenkmesse für den NS-Kollaborateur und Marschall und seine Soldaten gefeiert worden. Der Präfekt des Départements Meuse, Xavier Delarue, teilte danach mit, er werde Anzeige wegen "eindeutig revisionistischer Äußerungen" erheben, wie die Zeitung "La Croix" berichtet.
Das Verwaltungsgericht Nancy hatte die Feier am Freitag im Eilverfahren genehmigt und damit ein wenige Tage zuvor vom Bürgermeister von Verdun verhängtes Verbot aufgehoben. Präfekt Delarue stößt sich laut Bericht an Aussagen am Rande der Messe am Samstag. Der Vorsitzende der Vereinigung zur Verteidigung des Andenkens an Marschall Pétain (ADMP), Jacques Boncompain, hatte demnach vor Journalisten erklärt, der 1945 zum Tode verurteilte Chef des Vichy-Regimes sei "der erste Widerstandskämpfer Frankreichs" gewesen.
Das Verwaltungsgericht befand laut Zeitung, dass die Zeremonie "an sich nicht geeignet ist, die öffentliche Ordnung zu stören". Der Bürgermeister sei also nicht berechtigt gewesen, den Gottesdienst zu untersagen. Gemäß dem Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat dürfe die öffentliche Gewalt nur aus konkreten Sicherheitsgründen und nicht wegen ideologischer Bedenken in eine religiöse Zeremonie innerhalb einer Kirche eingreifen.
Der Vereinigung war ihrerseits vom Interimsleiter des Bistums Verdun und Erzbischof von Metz, Philippe Ballot, gestattet worden. Er hatte zugestimmt, in einer Pfarrkirche in Verdun eine Messe für die Seelenruhe von Marschall Pétain und den Opfern aller Kriege zu feiern. Das wiederum untersagte der linke Bürgermeister Samuel Hazard. "Ich werde niemals akzeptieren, dass in Verdun eine Messe zu Ehren von Pétain gefeiert wird, der 1945 wegen Verschwörung gegen die Nation seines Amtes enthoben und unter anderem seines militärischen Ranges enthoben wurde", wird Hazard zitiert. Er empfinde "Abscheu und große Wut".
Erzbischof Ballot entgegnete laut der Zeitung, nach Auffassung der Kirche könne "jeder Mensch einen Priester bitten, eine Messe für einen Verstorbenen zu feiern, unabhängig von dessen vergangenem Leben". Es handele sich nicht um eine Hommage. "Indem ein Priester die Intention der Messe akzeptiert, verpflichtet er sich, sie als geistlichen Dienst zu feiern - was nicht sein persönliches Urteil wiedergibt."
Pétains Rolle ist in Frankreich sehr umstritten. Als französischer Militär im Ersten Weltkrieg verteidigte er Verdun gegen die anrückenden deutschen Soldaten und wurde als "Sieger von Verdun" Nationalheld und Marschall von Frankreich. Als Regierungschef erwirkte er allerdings 1940 den Waffenstillstand von Compiègne, der die zwischenzeitliche Niederlage Frankreichs gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg besiegelte. Danach stand er bis 1944 dem eng an Deutschland angelehnten Vichy-Regime als Staatschef vor. Nach dem Krieg wurde Pétain (1856-1951) als Kollaborateur zum Tode verurteilt. Dies wurde später in lebenslange Haft umgewandelt.
Die ADMP hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, den Prozess gegen den Ex-Marschall aufzuarbeiten und den Vorwurf der Kollaboration zu entkräften. Die Vereinigung lässt seit ihrer Gründung 1951, dem Todesjahr Pétains, jedes Jahr eine Messe für ihn lesen. Diese wurde traditionell im Beinhaus von Douaumont gefeiert, einem Denkmal zum Gedenken an die französischen und deutschen Soldaten, die 1916 in der Schlacht von Verdun fielen. Die Begräbnis- und Gedenkstätte gehört zum Weltkulturerbe der Unesco.
2024 wurde der Pétain-Vereinigung diese Möglichkeit jedoch erstmals verwehrt. Mit Zustimmung des damaligen Bischofs von Verdun, Jean-Paul Gusching, fand die Messe daher in einer Privatkapelle in Verdun statt.