Waldbaden – auch eine Art Gottesdienst

Wie fühlt es sich an, mit allen Sinnen einzutauchen in den Wald – und nicht nur plaudernd hindurchzuspazieren? Mit Naturcoach Christine Dörband in Mecklenburg-Vorpommern kann man es ausprobieren.
Waldbaden – auch eine Art Gottesdienst
Einfach mal nur liegen und spüren: Die Erde trägt mich. Schon das kann gut tun. - Christine Dörband
Selten kommen mir zwei Minuten so lang vor. Im Zeitlupentempo gehe ich auf dem Waldboden entlang, so wie Naturcoach Christine Dörband es mir vormacht: Hebe bewusst erst den rechten Fuß, lasse ihn nach vorne schwingen, setze die Ferse auf, rolle ab, verlagere das Gewicht… dann den linken Fuß… Muskeln in den Waden spannen sich an, um Wackler auszugleichen. Immer wieder gibt es aber auch Momente, in denen ich spüre: Jetzt kann ich Gewicht abgeben, die Erde trägt mich. Ein heller Zimbel-Ton erklingt, die vereinbarten zwei Minuten sind um. Verblüffend: Wie erfüllt sich 120 Sekunden anfühlen, wenn ich all diese Vorgänge, die beim Gehen automatisch ablaufen, mal bewusst wahrnehme! Es ist, als ob die Zeit dann mehr Raum einnähme, mehr Tiefe bekäme.

"Waldbaden gibt es in Japan schon seit 1982"

Christine Dörband lacht, freut sich mit mir über meine Entdeckung. Seit November 2023 arbeitet sie in Lübstorf bei Schwerin im Sprengel Mecklenburg und Pommern als Geistliche Begleiterin, Naturcoach, Achtsamkeits- und Resilienztrainerin. Leitet Gruppen und Einzelne an, Erfahrungen in der Natur zu machen, grob gesagt immer mit dem Ziel, heilsame Prozesse anzustoßen. „Ich liebe das, mit Menschen im Wald zu sein und zu erleben, wie sie aufblühen“, sagt sie.
In Zeitlupe gehen - auch das ist eine Form von Achtsamkeit. - Christine Dörband
An diesem Dienstagmorgen im Juni nimmt sie sich fast drei Stunden Zeit, um mich in einem Waldstück am Schweriner See das Waldbaden erleben zu lassen. „Waldbaden gibt es in Japan schon seit 1982“, erklärt sie. „Und es hat auch deutsche Einflüsse. Die Japaner hatten sich vorher angeguckt, was Sebastian Kneipp so macht.“ Für mich ist schnell spürbar: Waldbaden ist etwas anderes als ein Waldspaziergang, bei dem ich mit einer Freundin plaudere. Über Achtsamkeitsübungen leitet Christine Dörband mich an, mit allen Sinnen wirklich einzutauchen in den Wald, hineinzugehen ins Spüren und Wahrnehmen, mich zu öffnen für das, was um mich herum geschieht und was es in mir auslöst. Die erste Übung, als wir den Waldrand erreichen: Erstmal nur langsam gehen und alles auf sich wirken lassen. Später dann die Gehmeditation im Zeitlupentempo, eine Atemübung, die mich durch alle Körperteile führt, und viele weitere Übungen, die meine Aufmerksamkeit vom Kopf in den Körper holen, mich vom Denken ins sinnliche Erleben bringen. Darunter ein paar Minuten, in denen ich einfach nur auf dem Waldboden liege, atme und spüre: Ich bin getragen und gehalten.

Waldbaden heißt: den Wald mit allen Sinnen erleben

Eine Frau mit dunkelblondem kurzen Haar hält ihr Gesicht und ihre rechte Handfläche an einen grauen glatten Baumstamm
Eine Buche fühlt sich überraschend kühl an - kühler als eine Birke oder Eiche. - Christine Dörband
Mit am eindrücklichsten ist für mich die 360-Grad-Übung: Christine Dörband lädt mich ein, jeweils eine Minute lang den Fokus auf nur einen Sinneskanal zu richten. Erst zu hören, was ich hören kann. Dann zu sehen, was ich sehen kann. Als drittes zu riechen, was ich riechen kann. Und schließlich zu spüren, was sich erspüren lässt. In Viertelkreisen drehe ich mich dabei jeweils um die eigene Achse, bis ich je einmal rum bin. Vier mal 360 Grad. Fasziniert stelle ich fest: Durch die Konzentration auf nur je einen Sinneskanal tritt jedes Mal etwas anderes in den Vordergrund, erlebe ich jedes Mal eine andere Wirklichkeit. Wenn ich intensiv lausche, mit geschlossenen Augen, ist der Wald für mich voller Vögel, überall piept, zwitschert und tiriliert es… öffne ich die Augen und achte nur auf das, was mein Sehsinn erfasst, sind die Vögel verschwunden, nur ein paar Insekten schwirren im Gegenlicht. Als es um den Tastsinn geht, spüre ich plötzlich die Luft als Windhauch auf meiner rechten Wange. Und ich komme auf die Idee, verschiedene Baumstämme um mich herum abzutasten. Dass die Struktur sich unterschiedlich anfühlen würde, hatte ich erwartet, aber dass es auch Unterschiede bei der Temperatur geben würde? Eine Buche fühlt sich kühl an, viel kühler als eine Eiche oder Birke! Das war mir neu.

Beim Waldbaden spüre ich meine Verbundenheit mit der Natur oder Gott

Achtsam einen Apfel essen - das beginnt mit riechen. - Christine Dörband
Als Christine Dörband mich nach einem achtsamen Picknick zum Abschluss fragt, wie es mir nach diesem Waldbad geht, muss ich nicht lang überlegen. „Ich bin echt begeistert“, sage ich. „Das war total belebend, erfrischend und wohltuend!“ Ich fühle mich so erholt, als hätte ich einen kompletten Tag in der Natur verbracht, eher mehr. Aus wissenschaftlichen Studien ist inzwischen bekannt: Zwei bis drei Stunden Waldbaden in naturnahen Wäldern, das hat positive Auswirkungen auf das Nerven - und das Immunsystem. „Dieser Effekt hält etwa 30 Tage an“, sagt Christine Dörband. Einmal im Monat wäre also klug. Und dann ist da noch die spirtiuelle Dimension des Ganzen: Wenn ich so aufmerksam durch den Wald gehe - nicht plaudernd oder grübelnd und in mich gekehrt - öffnen sich meine Sinne für alles, was um mich herum ist. Dann spüre ich meine Verbundenheit mit dem Wald, mein Eingebettetsein in die Natur. Und letztlich in Gott oder das ganze Universum. Christine Dörband ist zu finden auf www.naturwahrnehmen.de Für unsere Sommerreihe sind wir Redakteurinnen und Redakteure der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung und der Evangelischen Zeitung diesmal selbst unterwegs. Zu Fuß, mit dem Rad oder auf dem Wasser sammeln wir Erfahrungen und suchen nach dem Sinn zwischen Himmel und Erde. Hagen Grützmacher etwa in Schottland.
Sybille MarxS
Ein Beitrag von:

Sybille Marx

hat Germanistik und Theologie in Tübingen, Aarhus und Heidelberg studiert und schon während des Studiums als Online-Redakteurin geschrieben. Nach dem Magisterabschluss ein Jahr Dramaturgin am Theater Vorpommern in Greifswald. Volontierte 2007/2008 beim Nordkurier, war danach Reporterin in der damals gemeinsamen Mantelredaktion von Nordkurier und Schweriner Volkszeitung. Seit 2010 Redakteurin bei der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung in Greifswald, seit 2018 auch Coach mit eigener Praxis.

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