Es heißt: Wen Gott bestrafen will, dem erfüllt er alle Wünsche. So muss sich auch die US-Amerikanerin Anna Jarvis gefühlt haben, auf deren Initiative einst der Muttertag eingeführt wurde. Was ist schief gegangen?
Es ist völlig ausgeschlossen, Weihnachten oder den Muttertag zu verpassen. Schon Wochen vorher erinnert die Werbung crossmedial daran, was man alles verschenken könnte. Und wenn es dann so weit ist, dann breiten sich intensive Gefühle über den Geschenken aus. So war das alles nicht gedacht. Was den Muttertag angeht: Anna Jarvis, auf deren Initiative dieser Gedenktag eingeführt wurde, ist daran verzweifelt. Ihre Familie ehrt ihr Andenken sogar, indem sie über Generationen keinen Muttertag begangen hat.
Anna Jarvis war zudem tatsächlich die einzige, die nicht von dem Erfolg des Muttertags profitierte. Im Gegenteil, Jarvis starb am 24. November 1948, vor 75 Jahren, völlig verarmt. Denn sie setzte ihr ganzes Geld dafür ein, gegen die Kommerzialisierung des Muttertags anzugehen. Angeblich soll die Blumen- und Grußkartenindustrie für die Kosten ihres Pflegeheims aufgekommen sein – was sie, wenn es stimmen sollte, zum Glück nie erfahren hat.
Anna Marie Jarvis (1864-1948) stammt aus Grafton im US-Bundesstaat West Virginia und wurde in einer kinderreichen methodistischen Familie groß. Sie wollte ihrer Mutter ein Andenken setzen, die sich für eine bessere medizinische Versorgung von Müttern und deren Kindern sowie von Kriegsheimkehrern einsetzte. Gemeinsam sollten Frauen an diesem Tag Flagge zeigen für Solidarität untereinander, für soziale Dienste und gegen Kriegseinsätze.
1908 gab es am zweiten Maisonntag den ersten Gedenkgottesdienst in Grafton zu Ehren von Annas Mutter, die zwei Jahre zuvor – ebenfalls im Mai – gestorben war. Ihre Tochter verteilte an diesem Tag weiße Nelken, die ihre Mutter so sehr geliebt hatte. 1914 wurde der Tag in den USA als Zeichen der Verehrung der Mutter ein nationaler Feiertag.
Zum Ärger von Jarvis kehrte sich allerdings der Ursprungsgedanke schnell um: Der Handel machte sich den Muttertag zunutze. Trotz ihrer Boykottaufrufe, die der Frauenrechtlerin gar einen Gefängnisaufenthalt einbrachten, floriert das Geschäft bis heute – auch in Deutschland. Es ist – neben dem Valentinstag – der Tag, an dem Blumenläden ihr großes Frühjahrsgeschäft machen.
Nach dem Kommerz kam die Ideologie. Die Nazis instrumentalisierten den Muttertag für ihre Zwecke: Im Deutschen Reich wurde der Muttertag zu einer Feier der vermeintlich “germanischen Rasse”. Die Auszeichnung des Mutterkreuzes in Bronze, Silber oder Gold wurde nach Anzahl sogenannter “reinrassiger” Kinder am Muttertag verliehen: je mehr Kinder, desto besser. Ein Grund, warum die DDR den Tag abschaffte und stattdessen den Internationalen Frauentag am 8. März feierte, der heute wiederum in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ein Feiertag ist.
In der vereinten Bundesrepublik erfreut sich der Muttertag nach wie vor großer Beliebtheit. Nach verschiedenen Umfragen beschenken durchschnittlich mindestens drei von zehn Deutsche ihre Mutter an diesem Tag – vermutlich auch, weil das Wort “Mutter” für niemanden ein neutraler Begriff, sondern sehr gefühlsbesetzt ist.
Üblicherweise malen Kinder Bilder, kaufen Blumen oder lassen sich sonst etwas Schönes einfallen. Als eine Kita in diesem Jahr darauf verzichten wollte, die Kinder typische Geschenke für den Mutter- oder Vatertag basteln zu lassen, brach ein Sturm der Entrüstung los. Man wähnte die klassische Familie in Gefahr.
Ist der Muttertag noch zeitgemäß? In diesem Jahr wurden zugleich auch Stimmen laut, die forderten, den Muttertag abzuschaffen und durch einen Elterntag zu ersetzen. Sicher ist: Im nächsten Jahr wird die Diskussion fortgesetzt.