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Vor 125 Jahren starb der Komponist Verdi – Oper der Anti-Helden

Seine Opern gehören zu den weltweit am meisten gespielten, ihre Melodien werden bis heute gepfiffen. Giuseppe Verdi war aber auch Landgutbesitzer und patriotischer Revolutionär. Vor 125 Jahren starb der Maestro.

Vom Sohn eines Gastwirts und einer Spinnerin zum gefeierten Star der internationalen Musikwelt, erfolgreichen Gutsbesitzer und Senator: Das Leben des Giuseppe Verdi, geboren am 9. Oktober 1813 im Weiler Busseto-Le Roncole zwischen Parma und Piacenza, hätte selbst Stoff für eine Oper sein können. Gefüllt mit Leidenschaft und Enttäuschung, Niederlagen und Erfolgen – allerdings mit glücklichem Ende.

Giuseppe Verdis Taufregistereintrag lautet auf “Joseph Fortunin François Verdi” – das Herzogtum Parma war fünf Jahre zuvor von Napoleon dem Französischen Kaiserreich einverleibt worden. Vielleicht ein Grund dafür, warum Verdi, dessen musikalisches Talent früh gefördert wird, sich auch politisch engagiert. Wie sein großer, im selben Jahr geborener Konkurrent Richard Wagner.

Dessen Heimat Deutschland ist wie auch Italien Mitte des 19. Jahrhunderts ein staatlicher Flickenteppich. Giuseppe Verdi wird zum glühenden Unterstützer des Risorgimento, der Bewegung für ein geeintes Königreich Italien. Und während auf dem Weg dorthin Giuseppe Garibaldis Truppen 1870 die Reste des päpstlichen Kirchenstaats erobern, wird der Name des “Maestro della Rivoluzione”, VERDI, an Hauswände gepinselt – als Abkürzung für “Vittorio Emanuele Re D’Italia” (Viktor Emanuel, König von Italien).

Richard Wagner beschwor, um dem sich anbahnenden Deutschen Reich von 1871 eine musikalisch-literarische Identität zu geben, mit Musikdramen über die Nibelungen, Lohengrin, Parsifal oder Tristan und Isolde eine “ferne, sagenumwobene und mittelalterliche deutsche Vergangenheit”, so der deutsch-französische Historiker Joseph Rovan. Deren Bild habe die deutsche Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst und das Selbstverständnis der deutschen Nation entscheidend geprägt. Zudem schreibt er die Texte seiner Opern selbst.

Verdi hingegen befasst sich mit zeitgenössischen, strittigen Stoffen von Autoren wie Victor Hugo, Alexandre Dumas, Voltaire, Friedrich Schiller und Antonio García Gutiérrez. Auch William Shakespeares tragischer maurischer Feldherr Othello ist darunter. Verdis Opern handeln von Anti-Helden wie dem buckligen Hofnarren Rigoletto, der am Ende seine getötete Tochter in den Armen hält, und dem als Kind entführten Troubadour Manrico, den sein eigener Bruder (unwissentlich) hinrichten lässt. Seine Traviata (Die vom Weg Abgekommene) schließlich verewigt eine Kurtisane, die an Tuberkulose stirbt.

Im Schaffen des Komponisten, so der Musikpublizist Max Nyffeler, “ist der Tod so allgegenwärtig wie sein Gegenteil, die Liebe als höchster Ausdruck des Lebens”. Verdi kennt das aus seinem eigenen Leben. Nach nur zwei Ehejahren sterben ihm zwischen 1838 und 1840 nacheinander seine Tochter, sein Sohn und seine Ehefrau weg. Als 27-Jähriger steht er ohne Familie da. Zudem wird im selben Jahr seine komische Oper “Un giorno di regno” ausgepfiffen. Verdi will das Komponieren aufgeben.

Knapp zwei Jahre später fällt ihm ein Libretto zur babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes in die Hände. Beim vorgesehenen Chorgesang “Va, pensiero, sull’ali dorate” hat Verdi sofort eine Melodie im Kopf. Nabucco wird ein voller Erfolg und begründet Verdis Weltruhm. Während der Proben lernt er Giuseppina Strapponi kennen, eine erfolgreiche Primadonna nicht nur auf Italiens Bühnen. Ab 1847 sind Strapponi und Verdi ein Paar – ein Skandal -, erst 1859 heiraten sie auch.

Der Komponist und inzwischen erfolgreiche Landgutbesitzer ist seinen Biografen zufolge gläubig, bekennt aber auch Zweifel. Als 70-Jähriger etwa schreibt er einer Bekannten: “Ich glaube, dass das Leben etwas sehr Dummes ist und, noch schlimmer: unnütz.” Weswegen man letztlich “gar nichts” machen könne.

In seinem Requiem für Italiens Nationaldichter Alessandro Manzoni (1785-1873), das der inzwischen 60-jährige international gefeierte Star im Mai 1874 in Mailand uraufführen lässt, habe Verdi “ohne religiöses Sicherungsseil den Blick in die modernen Abgründe des Nichts” gewagt, sagt Nyffeler. Dennoch folge darin “Momenten des bedingungslosen existenziellen Erschreckens” immer wieder die Wendung zur christlichen Botschaft. Dem Nichts des Todes setze Verdi “die ganze Palette menschlicher Gefühle und göttlichen Heils” entgegen, schreibt die Theologin Mariele Wulf. “Weniger als Alles ist angesichts dieser Musik nicht möglich.”

Bald nach dem Requiem scheint Verdi des Komponierens müde. Der Maestro zieht sich auf sein Landgut Sant’Agata bei Piacenza zurück. Seit 1874 ist er zudem Senator des Königreichs Italien. Sorgen machen ihm der ausbleibende soziale Fortschritt im Land und die dadurch anhaltende Auswanderung vieler Landsleute nach Amerika. Auf Verdis Initiative hin werden Straßen gebaut, Gräben eingedämmt, Wälder aufgeforstet und Bauernhäuser gebaut. Auch ein kleines Spital sowie ein Altersheim für ehemalige Musiker werden von ihm gestiftet.

Bis 1897 komponiert Verdi noch zwei geistliche Chorwerke: das Te Deum und das Stabat Mater. Zusammen mit einem früher entstandenen Ave Maria und den Laudi alla Vergine Maria werden sie 1898 als “Vier geistliche Stücke” uraufgeführt.

Als Giuseppe Verdi Ende Januar 1901 nach einer Hirnblutung in Mailand im Sterben liegt, decken Menschen vor seinem Haus die Straßenbahnschienen mit Laub ab. Die letzten Tage des Maestro sollen durch den Lärm der neuen Verkehrsmittel nicht gestört werden. Kurz zuvor ist das Mailänder Konservatorium, das ihn 1832 abgelehnt hatte, nach ihm benannt worden. Am 27. Januar stirbt Giuseppe Verdi. 300.000 Menschen geben ihm später das letzte Geleit.

Seine Melodien aber – “Va, pensiero” aus Nabucco, “La donna è mobile” aus Rigoletto, “Libiamo” aus La Traviata oder der Triumphmarsch aus Aida – werden weiter in Stadien gesungen, auf der Straße gepfiffen und in Werbespots gejingelt. Bis heute sind seine Opern die weltweit meistgespielten – mit denen von Wolfgang Amadeus Mozart, Giacomo Puccini und Richard Wagner.