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Von Wupptika bis Halldiegail, von Alaaf bis Hasi-Hasi-Palau!

Nun ist es also wieder so weit. Millionen Menschen stehen oder sitzen an Straßenrändern und Biertischen und stoßen sogenannte Narrenrufe aus. Doch was da so alles gejohlt wird, erschließt sich nicht unmittelbar.

“Narri-Narro” – so heißt der närrischste aller Narrenrufe in der Großfamilie der schwäbisch-alemannischen Fasnet: Der Narr im Umzug schreit “Narri!”, die anderen antworten “Narro!”. Hier ist die Herkunft etymologisch ziemlich klar: Das althochdeutsche “narro” bezeichnet einen durch Unvernunft auffallenden Menschen, einen Geisteskranken – oder eben einen Spaßmacher und Narren. Die Grenzen freilich scheinen damals wie heute fließend.

Im Köln-Bonn-Aachener Raum gibt es das donnernde “Alaaf!” Dieser Hochruf taucht bereits im 16. und 17. Jahrhundert in noch ganz unkarnevalistischen Zusammenhängen auf. Der Bonner Historiker Wolfgang Herborn (1940-2015) fand es spätestens seit 1635 als Jubel- und Trinkspruch belegt. So ist etwa die Rede von “dat Alaff colnisch land”. “Cöllen al aff” (alles ab) bedeutet nicht weniger als “Köln vor allem anderen” oder “über alles”.

Pikant: Die Nordgrenze zwischen dem “Alaaf” und dem zweiten Hauptruf des rheinischen Karnevals, dem Düsseldorfer “Helau!”, verläuft fast exakt auf der nicht nur in der fünften Jahreszeit wichtigen Grenze zwischen Kölsch und Altbier. Die Bedeutung des “Helau” liegt im Dunkeln. Volkskundler deuten es – neben manchem anderen – als eine Verballhornung des hebräisch-kirchlichen Jubelrufs Halleluja – zumal in manchen Regionen des Rheinlandes auch noch ein närrisches “Ajuja” gebräuchlich ist.

Am Niederrhein soll “Helo” mal ein Hirtenruf gewesen sein, mit dem die Bauern ihr Vieh nach Hause trieben. Manche vermuten hinter dem “Helau” auch eine Abwandlung von “Hallo”; doch liegt dem Rheinländer England so nahe? Immerhin: Die Briten waren eifrige Händler – und später mit dabei, die Rheinromantik des 19. Jahrhunderts loszutreten.

Das “Alaaf” führt gleichsam einen Zweifronten-Krieg mit dem “Helau”. Zwar erklang auch in Mainz, der südlichen Hochburg, bis zur Session 1934 ein “Hoch” oder “Hurra”. Doch damals brachte eine Delegation Mainzer Narren von einem Besuch in Düsseldorf das “Helau” mit, das fortan lustige Anwendung fand. Auch im Saarland, in der Pfalz und Kurpfalz wird “Fas(t)nacht” gefeiert. In letzteren lautet der Narrenruf weit weg vom Meer dennoch “Ahoi”. In Flörsheim am Main heißt es “Halldiegail” (für “halt die Gäule”), und in Koblenz ertönt ein dreifach “Kowelenz Olau!”

Daneben gibt es unzählige lokale Karnevalsrufe. Viele sind jüngeren Datums, um dem örtlichen Treiben Lokalkolorit zu verschaffen, so im bergischen Wuppertal “Wupptika!”, ein lateinisch-pathetisches “gloria tibi Dülken” für das gleichnamige Städtchen am Niederrhein. Das “Bubbel Bubbel” aus Bad Münstereifel ist inzwischen nach rund 50 Jahren verstummt; den dortigen Verein der “Bubbelsbröder” gibt es nicht mehr.

Im ostwestfälischen Paderborn schallt es “Hasi-Hasi-Palau!” Dieser schräge Ruf des erst seit 2004 stattfindenden Umzugs leitet sich vom berühmten “Hasenfenster” im Paderborner Dom ab, einem Wahrzeichen der Stadt. Nicht weit entfernt, im einstigen Schnapsbrenner-Ort Scharmede bei Salzkotten, heißt es seit 1974 recht eigentümlich “Knolli knolli Schabau” – was natürlich auf die Zufuhr hochprozentiger alkoholischer Getränke verweist.

Reich an Burgen ist der deutsche Osten, an Karnevalshochburgen allerdings weniger. Eine Ausnahme bildet etwa Wasungen an der Werra im Süden Thüringens. Dort ist die Tollheit seit 1524 beurkundet, seit 501 Jahren – wohl eine der ältesten Deutschlands! Der Ruf der Wasunger lautet “Woesinge Ahoi”.

Und Berlin wäre nicht Berlin, wenn es – Spiegelbild und selbsternannter Puls der Nation – nicht auch etwas rheinischen Karneval zu bieten hätte. Nach dem Umzug der Bundesregierung kam auch ein bescheidener Rosenmontagsumzug ins Rollen – der allerdings zuletzt über mehrere Jahre ausfiel. Dabei ruft man ein programmatisches “Berlin, heijo!”, das wohlwollend mit dem Verweis auf “Heiterkeit und Jokus” interpretiert wird. So müssen rheinische Exilanten nicht mehr zwanghaft an Karneval in die alte Heimat reisen. Obwohl natürlich immer noch gilt: “Cöllen al aff!”