Von interaktiven Maschinen und lebensgroßen Stofffiguren

Der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925-1991) veranschaulichte mit seinen beweglichen Figuren ewige Veränderung über den Tod hinaus. „Es gibt keinen Tod! Der Tod existiert nur für jene, die sich weigern, Entwicklung zu akzeptieren. Alles verändert sich. Der Tod ist der Übergang von einer Bewegung in die andere“, sagte er über seine kinetischen Schöpfungen. Von Sonntag an bis 24. August widmet sich das Lehmbruck-Museum in Duisburg seinem Werk und bringt es unter der Überschrift „Mechanik und Menschlichkeit“ erstmals mit den textilen Skulpturen und Puppen seiner künstlerischen Partnerin und ersten Ehefrau Eva Aeppli (1925-2015) zusammen. Beide Künstler wären in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Die Ausstellung mit über 90 Skulpturen, Installationen, Bildern, Skizzen und Wandarbeiten machen nach Angaben der Ausstellungsmacher die „tiefe Menschlichkeit und poetische Kraft“ des Zusammenspiels der beiden Künstlerpersönlichkeiten erlebbar. Die Retrospektive zeige die meist „lebendigen“ Skulpturen von Tinguely und die an die „Hoffnungslosigkeit des menschlichen Daseins“ erinnernden Figuren von Aeppli. Das gemeinsame Zurschaustellen zeige auch, wie beide Künstler „auf fantasievolle, spielerische und zugleich kritische Weise das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine geprägt haben“, sagte die Direktorin des Lehmbruck-Museums, Söke Dinkla, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Ein Höhepunkt der Schau ist das Gemeinschaftswerk des Künstlerpaares in den 1990er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon etwa 30 Jahre getrennt. Tinguely überredete Aeppli dazu, gemeinsam Kunstwerke zu schaffen. So etwa das Werk „Erste Hexe“, das eine weiß gekleidete Frauenfigur schwebend auf einem landwirtschaftlichen Gerät zeigt, oder ein Gespenst mit einer Maske. Aeppli wie Tinguely verwendeten für ihre Skulpturen alltägliche Materialien, wie Dinkla erläutert. Beide wandten sich gegen Schönheitsideale und wollten verborgene Schichten im Alltäglichen aufdecken.

Frühe Arbeiten von Aeppli sind drei Handpuppen, von denen eine den Titel „Bandit“ trägt und Tinguely darstellen soll. Ganz anders dagegen die gewaltige Arbeit „Gruppe der 48“, die 48 lebensgroße und schlanke Figuren zeigt, die vom Hals an bis zum Boden in schwarzen Samtroben stecken. Ihre großen Köpfe sind aus weißer Seide, die Figuren scheinen mit aufgerissenen Mündern zu schreien, die Gesichter tragen genähte Narben. „Aeppli erinnert auch mit dieser Figurengruppe an die Opfer des Zweiten Weltkriegs und lässt die Figuren dagegen protestieren und anschreien“, sagt die Museumschefin. Einige der lebensgroßen Figuren erinnern mit ihren ausgemergelten Körpern und Gesichtern an Überlebende aus Konzentrationslagern.

Aepplis Installation „La Table“ bringt 13 lebensgroße Stofffiguren an einen langen Holztisch und lässt an die Abendmahlsdarstellung von Leonardo da Vinci denken. Allerdings sitzt bei Aeppli nicht Jesus in der Mitte, sondern der Tod. „Die Figuren sind nicht als Männer oder Frauen unterscheidbar, vielmehr haben alle etwas Androgynes in ihrer jeweiligen Kopfhaltung oder der Form ihrer Münder und Augen“, beschreibt Dinkla die Szene.

Humorvoll und als Kritik am Maschinenwahn der damaligen Zeit gedacht ist die Zeichenmaschine Tinguelys „Do it yourself“ von 1959. Die Maschine malt eigenständig Bilder und braucht keinen Künstler mehr. Nötig sind nur Farben, ein Blatt Papier und die Eingabe einer Geschwindigkeit. Auch eine Destruktionsmaschine ist in Duisburg zu sehen. Sie steht im Foyer des Museums und ist gewaltig. Sie zieht Getränkeflaschen aus einem Behältnis und befördert diese an einem Band hängend über mehrere Meter bis zu einem Hammer, der die Flaschen zertrümmert.

„Mensch und Maschine, Körper und Geist, Gut und Böse sind die großen Themen, die Jean Tinguely und Eva Aeppli bewegen“, sagt Museumschefin Dinkla. Beide Künstler hätten mit ihren Werken auch stets „gegen den Tod rebelliert“, sagt Kuratorin Anne Groh. Beide hätten jedoch vor allem „ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Menschsein“ geschaffen.

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