Wenn das evangelische Pfarrhaus Heidelsheim (Kreis Karlsruhe) der Sprache mächtig wäre, hätte es wahrlich einiges zu erzählen: von der Zugehörigkeit zum Großherzogtum Baden ab 1803 und der Eingemeindung nach Bruchsal im Jahr 1974. Es wüsste, dass mit der Reformation und der daraus folgenden Konfessionsspaltung eine Zeit begann, in der Katholiken, Reformierte und Lutheraner dieselbe Kirche gemeinsam nutzten - und dass aus dem Pfarrhaus mittlerweile ein weltliches Wohnhaus geworden ist.
„Ich bin ein gläubiger Mensch. Das Haus ist ein Segen für uns“, sagt Stefan Eschbach beim Besuch des Evangelischen Pressedienstes (epd). Zusammen mit seiner Frau Julia erwarb der 39-Jährige das Haus vor rund dreieinhalb Jahren von der Evangelischen Kirchengemeinde Heidelsheim. Mit Emil (11), Pia (9) und den fünfjährigen Drillingen Thea, Aaron und Ronja, kam neues Leben in das 1712 erbaute Fachwerkhaus.
Für die Familie mit fünf Kindern sei es nahezu aussichtslos gewesen, ein passendes Haus zu finden, sagt das Ehepaar. „Es war tatsächlich das einzige Haus, das wir gefunden haben“, berichtet Julia Eschbach und zählt die Vorzüge des rund 300 Jahre alten Gebäudes auf: „Dadurch, dass Pfarrer früher oft viele Kinder hatten, ist es groß genug“, betont sie. Auch die Nachbarn seien an große Familien gewöhnt, fügt Ehemann Stefan schmunzelnd hinzu.
Für jedes Kind ein eigenes Zimmer, das sei ihm wichtig gewesen, betont er. „Egal wie klein es ist - man muss die Tür auch mal zumachen können, gerade in der Pubertät.“ 300 Quadratmeter Wohnfläche, ein Innenhof und ein Nebengebäude - das zweistöckige Haus mit den ausgebauten Dachstöcken und dem ehemaligen Luthersaal bietet genügend Platz, auch für Familienfeste.
#Pfarrhaus war Mittelpunkt des Gemeindelebens
„Es freut mich, die Tradition meines Großvaters fortsetzen zu dürfen“, sagt der gebürtige Bruchsaler. Über Jahrhunderte war das Pfarrhaus ein Mittelpunkt des Gemeindelebens. Heute ist es Zentrum für Familienfeste. Dass hier von 1836 bis 1846 der Philosoph und Psychologe Wilhelm Wundt (1832-1920) aufwuchs, fügt dem Haus eine weitere erzählenswerte Geschichte hinzu.
Eingebunden in das Ensemble von Stadtkirche und Marktplatz steht das Fachwerkhaus sinnbildlich für die Entwicklung vom mittelalterlichen Pfarrwesen über die Ausprägung der christlichen Konfessionen bis hin zur Neuordnung kirchlicher Gebäude in der Neuzeit.
Dass Kirchen eigene Gebäude veräußern, ist keine Seltenheit. Sinkende Mitgliederzahlen sowie hohe Unterhalts- und Investitionskosten führen dazu, dass bis 2050 rund 70 Prozent der etwa 2.100 kirchlichen Gebäude der Evangelischen Landeskirche in Baden aus der Kirchensteuerfinanzierung genommen werden sollen.
Betroffen sind Kirchengebäude, Gemeindezentren und -häuser sowie Pfarrhäuser. Eine Hürde bei der Umnutzung kirchlicher Immobilien ist der Denkmalschutz, unter dem viele dieser Gebäude stehen
„Da traut sich nicht jeder ran“, sagt Stefan Eschbach. „Es war die Idee, in der Bewerbung auf die Immobilienanzeige etwas anders zu schreiben, die uns geholfen hat. Ich schrieb von unserem Bedarf wegen der Drillinge und dass wir uns um das Fachwerk kümmern würden“, erinnert sich der Familienvater. Die Antwort der Kirche sei sehr herzlich gewesen, man sei sich schnell einig geworden.
Als Schreinerin und Restauratorin schreckte Julia Eschbach der Denkmalschutz nicht ab. Auflagen vonseiten der Kirche zur Nutzung habe es keine gegeben, berichtet Stefan Eschbach. Einzige Besonderheit: Das Pfarramt nutzte noch ein halbes Jahr lang das Erdgeschoss als Pfarrbüro, während die Familie bereits eingezogen war. „Es war schön, jemanden hier zu haben, um anzukommen“, sagt das Ehepaar rückblickend.
Schnell freundeten sich Emil, Pia, Thea, Aaron und Ronja mit den Kindern des neuen Pfarrers an, der sein Domizil im Neubau auf dem abgetrennten Pfarrgarten bezog. „Wir haben uns in das Haus verliebt“, sagt Stefan Eschbach und betont: „Ein Zuhause ist ein Zuhause - kein Wohnobjekt.“ Er und seine Familie schreiben ein weiteres Kapitel in der Geschichte des alten Pfarrhauses und liefern gleichsam Stoff für neue Erzählungen. (0000/XX.02.2026)