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Vieles hängt an der “Kirche für morgen”

Selten waren die Prognosen bei einer württembergischen Kirchenwahl so vage wie am vergangenen Wochenende. Rund 1,5 Millionen Wahlberechtigte durften über die Zusammensetzung des neuen Kirchenparlaments, der Landessynode, entscheiden – und mehr als 22 Prozent machten Gebrauch davon. Mit leichtem Vorsprung vor dem theologisch konservativen Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ (30 Sitze) ging die liberale „Offene Kirche“ (31 Sitze) als Wahlsiegerin hervor.

Schwierig waren die Prognosen schon deshalb, weil die Wahlkreise seit dem Urnengang vor sechs Jahren von 24 auf 15 reduziert wurden. Da es sich um eine Mehrheitswahl handelt – in die Synode kommen die jeweils stimmenreichsten eines Wahlkreises -, ließ sich kaum vorhersagen, wie sich die neuen Zuschnitte auf die Stimmenverteilung auswirken. Das Ergebnis zeigt nun: Das Kirchenvolk hat sich im Wesentlichen für Kontinuität entschieden.

Auffällig ist in erster Linie das Erstarken der Reforminitiative „Kirche für morgen“. Sie hat die Zahl ihrer Mandate von 12 auf 18 Sitze verbessert. Der Gesprächskreis ging mit profilierten Forderungen in den Wahlkampf: In allen kirchlichen Gremien sollen mindestens 20 Prozent der Mitglieder nicht älter als 30 Jahre alt sein. Die Gruppe will die Ebene der Prälatur streichen, worin sie einen Beitrag zu weniger Bürokratie sieht.

„Kirche für morgen“ fordert einen Systemwechsel bei der Finanzierung: Geld soll durch einen lokalen Mitgliedsbeitrag direkt der Gemeinde vor Ort zugutekommen. Möglicherweise hilft ihr bei Reformvorhaben, dass zwei Drittel aller Gewählten neu in der Synode sind, darunter viele Jüngere. Der vierte Gesprächskreis, die Mitte-Gruppierung „Evangelium und Kirche“, hat fünf Sitze verloren und kann nur noch elf Vertreter ins Kirchenparlament schicken.

Kandidierende Politiker bekamen von den Wählerinnen und Wählern keinen Bonus: Die zwei CDU-Landtagsabgeordneten Sabine Kurtz, Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium und stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU in Baden-Württemberg, und der religionspolitische Sprecher der Fraktion, Christian Gehring, schafften es nicht ins Kirchenparlament.

Die Synode leitet laut Kirchenverfassung gemeinsam mit dem Landesbischof und dem Oberkirchenrat die Landeskirche, entscheidet über die Verwendung der Kirchensteuern, beschließt Gesetze und wählt bei Bedarf einen neuen Landesbischof oder eine -bischöfin. In Württemberg gehören rund 1,7 Millionen Menschen der Landeskirche an.

Die Frage ist nun, wie sich die neuen Mehrheitsverhältnisse auf die großen Streitfragen der jüngeren Zeit auswirken. Am heftigsten zofften sich die Synodenmitglieder über die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Erst im Oktober hatte die „Lebendige Gemeinde“ mit ihrer Sperrminorität verhindert, dass die dafür erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit zusammenkommt.

Das Zünglein an der Waage könnte künftig die „Kirche für morgen“ sein. Die ist bei aller Reformfreudigkeit theologisch nicht immer einfach einzuordnen. Doch die Pressekonferenz mit allen vier Gesprächskreisen am Tag nach der Wahl machte schonmal deutlich, dass der Blick in ihre Richtung geht. Hans-Ulrich Probst, Vorsitzender der „Offenen Kirche“, beschwor die „vielen Überschneidungen“, die man in den zurückliegenden sechs Jahren gesehen habe. Ob die allerdings reichen werden, wenn der liberale Gesprächskreis die Trauung Gleichgeschlechtlicher wie angekündigt „zeitnah“ erneut auf die Tagesordnung setzen wird, muss sich erst zeigen. (3093/01.12.2025)