Der Blick reicht weit in ein Niemandsland. Sandböden, auf denen kein Grashalm wächst. Hitze und flimmernde Luft. Gerade ist auf der kleinen Insel inmitten des gigantischen Brahmaputra ein Boot angekommen. Frauen, eingehüllt in bunte Tücher, bahnen sich ihren Weg zu einem Feld, das sie allen Widrigkeiten zum Trotz angelegt haben. Auf dem kargen Boden sprießen Kürbispflanzen, eingebettet in eine Mulde aus Sand und Dung. Kaum jemand hatte vor ein paar Jahren daran geglaubt, dass dieses Experiment gelingen würde. Jetzt bringt der Kürbisanbau mehr als zwei Dutzend armen Familien ein zusätzliches Einkommen.
Die 63-jährige Amina ist eine der beharrlichen Frauen. Sie schleppt Krüge mit Wasser für die Pflanzen. Zwei Stunden am Tag kümmert sie sich zusammen mit den anderen um die Kürbisse. Voller Stolz zeigt sie auf die zwei Kilo schweren Früchte. Drei bis vier Kürbisse pro Pflanze können geerntet und dann auf dem Markt verkauft werden. Amina lebt auf der rund zehn Kilometer langen Flussinsel Bongram Char inmitten des Brahmaputra, der zu den wasserreichsten Flüssen der Erde zählt und Bangladesch durchzieht. Der Fluss bestimmt ihr Leben.
Die Menschen wissen, einmal im Jahr kommt das Wasser. Rund eine Woche blieb es, dann ging es zurück – so war es seit Jahrzehnten. Doch dieser Rhythmus ist außer Kraft gesetzt. Der Klimawandel lässt die Gletscher im Himalaja schmelzen, die Flut wird heftiger, kommt früher und ist unberechenbar.
Mehrmals hat Amina durch das Wasser alles verloren, sie musste immer wieder von vorn beginnen. Vor ein paar Jahren flüchtete sie sich auf das Eiland, das auf keiner Karte auftaucht, weil es immer noch sicherer war als dort, wo sie vorher lebte. Auf einer Anhöhe der Flussinsel hat die Regierung kleine Unterkünfte aus Beton gebaut, die gleichzeitig als Evakuierungsort dienen. „Es ist mein Überlebensraum und alles, was ich habe“, sagt Amina, die hier mit zwei Söhnen lebt.
Sie gehört zu Tausenden Klimaflüchtlingen in der Provinz Kurigam im Norden von Bangladesch, einer der ärmsten Regionen des Landes. „Die Menschen wollen keine Hilfe, sie wollen arbeiten“, sagt Bithika Biswas, die das vom UN-Welternährungsprogramm finanzierte Kürbis-Projekt leitet. Dadurch hätten die Frauen ein eigenes Einkommen und würden von den anderen Dorfbewohnern mehr akzeptiert.
Bangladesch ist eines der am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder weltweit. Ein Teil des Landes liegt nicht einmal einen Meter über dem Meeresspiegel, der Großteil nicht mehr als fünf Meter. In wenigen Jahrzehnten ist der Meeresspiegel um 20 Zentimeter gestiegen. Jedes Jahr leidet Bangladesch unter heftigen Überschwemmungen und Monsunregen. Forscher warnen, dass es bis zum Jahr 2050 etwa 13 Millionen Klimaflüchtlinge in dem südostasiatischen Land geben könnte.
Das Delta des Brahmaputra gilt als Hochrisikogebiet. Parven Begum sitzt auf dem Boden vor ihrer Hütte und erzählt, wie sich die Familie jedes Jahr vor der Flut in Sicherheit bringt. „Die Tiere werden in ein Boot geladen. Im Haus binden wir alle Utensilien an die Decke“, berichtet die 33-Jährige, die in dem Dorf Mazipare am Flussufer lebt. Dann harren sie in einem für die Evakuierung ausgewiesenem Gebiet aus, bis das Wasser zurückgeht. „Danach kehren wir zurück, reinigen das Haus und fangen wieder bei null an.“
In Begums Dorf leben auch zahlreiche Familien, die aus noch unsichereren Flutgebieten geflüchtet sind. Früher waren sie Kleinbauern. Ihr eigenes Land hat sich aber längst der Fluss genommen. Jetzt machen die Frauen kleine Arbeiten, flechten Körbe aus Bambus, stellen Kompost her oder züchten auf einem Nährboden Austernpilze, während sich viele ihrer Männer als Tagelöhner in den Städten verdingen. Die Frauen haben hier zwar ein kleines Auskommen gefunden, aber keine sichere Zukunft.