Vater von Mordopfer beklagt fehlende Unterstützung nach Gewalttaten

Nach dem Mord an seiner Tochter war Michael Kyrath "vier Wochen wie in einer Blase". In dieser Lage brauchten Betroffene konkrete Hilfe, mahnt er im Rückblick. Kritik übt er auch an den Medien.

Konkrete Ansprechpartner und Unterstützung - das bräuchten Familien, die bei einer Gewalttat jemanden verloren haben: "Jemanden, der vor Ort ist, der die Presse abschirmt, der sich um die nötigen Schritte kümmert", sagte Michael Kyrath der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Freitag). Seine Tochter Ann-Marie war am 25. Januar 2023 in einem Regionalzug im schleswig-holsteinischen Brokstedt erstochen worden.

Ein solches Netzwerk versuche er derzeit aufzubauen, sagte der Vater, der nach eigenen Worten mit über 1.000 Familien in Kontakt ist, die bei Gewalttaten einen Angehörigen verloren haben. "Wenn Ihr Kind ermordet wird, sitzen Sie die ersten vier Wochen wie in einer Blase. Sie wissen überhaupt nicht, was passiert." Zugleich sei vieles zu regeln und auch zu bezahlen: "Das beginnt mit der Beerdigung des Kindes, Sie mieten Kirchen, kaufen den Sarg und müssen Obduktionen bezahlen." Sein Ziel sei daher, Menschen in solch einer Lage aufzufangen, "damit sie das erste Jahr überstehen und nicht in den finanziellen oder seelischen Ruin rennen".

In manchen Fällen funktioniere dies mit bestehenden Hilfswerken bereits, sagte Kyrath. "Aber oft sieht es leider anders aus. Ich weiß von Familien, die ihr Kind verloren haben, da hat nicht mal der Ministerpräsident 'hallo' gesagt, der Weiße Ring hat nur eine Visitenkarte in den Briefkasten geschmissen, und das war's."

In der Politik wolle man davon nichts hören, so sein Eindruck: "Es kommen fadenscheinige Argumente, uns würden irgendwelche Lehrgänge fehlen, oder es wäre kein Geld da. Es gibt aber keinen Lehrgang, der dir vermitteln kann, wie es sich anfühlt, dein einziges Kind zu verlieren."

Von den Medien wünsche er sich einen Mittelweg, fügte Kyrath hinzu. Es sei ehrenwert, Opfer in Ruhe zu lassen - zugleich gelte es, jenen Betroffenen zuzuhören, die sich äußern wollten. Stattdessen werde "nach Ausreden gesucht, warum ein Mörder einen anderen Menschen umgebracht hat". Für ihn spiele es keine Rolle, "woher der Mörder kam, was der Täter hatte oder warum er mein Kind ermordet hat." Ebenso seien ihm die Motive von Tätern egal: "Mein Kind ist tot, ich sehe es nie wieder in meinem ganzen Leben. Und ich muss die nächsten 30, 40, 50 Jahre damit leben."

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