“Anerkennungsleistung”: Das kann missverstanden werden
Mein Unwort ist “Anerkennungsleistung” für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Der Begriff spielt in der vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 21. März 2025 beschlossenen sogenannten EKD-Anerkennungsrichtlinie eine Rolle. Die EKD hat den Begriff bewusst gewählt. Sie will Betroffenen von sexualisierter Gewalt ein niedrigschwelliges Verfahren ohne Beweisführung bieten. Würde sie von “Entschädigung” sprechen, bedürfte es eines Verfahrens mit Beweisen. Eine Anerkennung ist im allgemeinen Sprachgebrauch und auch für mich aber etwas Positives, das mit nichts Negativem in Verbindung steht. Eine Anerkennungsleistung zu erhalten, klingt für mich wie: “Für eine tolle Leistung bekommst du eine Belohnung.” Ich weiß, so meint es die EKD nicht. Aber es könnte so missverstanden werden.
Marcel Maack, Redakteur in Hamburg
“Leistungsträger”: Eine moralische Bewertung
Mein persönliches Unwort des Jahres 2025 ist „Leistungsträger“. Das Wort klingt nach Anerkennung, meint aber vor allem Ausschluss. Es teilt die Gesellschaft in jene, die angeblich tragen, und jene, die als Last gelten. Unsichtbar bleiben Menschen, die pflegen, erziehen, zuhören oder auffangen – oft schlecht bezahlt oder gar nicht. „Leistungsträger“ ersetzt Solidarität durch moralische Bewertung. Dabei sollte Würde nicht vom Nutzen abhängen, sondern – übrigens eine christliche Grundidee – jedem Menschen zugesprochen sein.
Joana Lewandowski, Redakteurin in Berlin

“Kriegstüchtig”: Gewalt wird normalisiert
Wo in der Vergangenheit und wenn überhaupt von Verteidigung die Rede war, wird das Klima in Deutschland rauer. Inzwischen müssen wir “kriegstüchtig” werden, zumindest, wenn es nach dem Willen bundespolitischer Politik geht. Gewalt, so scheint es, wird normalisiert. Verteidigungspolitisch wird eine entschlossene Bereitschaft zum Krieg forciert. Die Möglichkeit einer militärischen Konfrontation quasi zu einem neuen Normalzustand erklärt. Sogar die EKD-Friedensdenkschrift folgt diesem Kurs. Damit wird allerdings die Idee verdrängt, dass Sicherheit vor allem diplomatisch entsteht. Pazifismus wirkt ab jetzt naiv, das Angebot zur Gesprächsbereitschaft gar als Schwäche abgetan. Diese neue Kriegsrhetorik steht uns nicht gut zu Gesicht. Denn: Wer Frieden will, sollte ihn auch sprachlich verteidigen.
Angela Wolf, Redakteurin in Frankfurt
“Technologieoffenheit”: Viel Nebel, keine Aussage
Das Verbrenner-Aus? Weg damit, wir brauchen Technologieoffenheit! Wärmepumpen in deutschen Heizungskellern? Blöde Idee, das regelt doch die Technologieoffenheit! Sie merken, was mein persönliches Unwort des Jahres ist. Meistens ist die “Technologieoffenheit” nur ein Vorwand dafür, beim Klimaschutz die Hände in den Schoß zu legen – ein Begriff, der gut klingt, aber eben nichts aussagt und oft genug entlarvt, dass man eigentlich gar keine richtige Strategie hat. Übrigens: E-Auto und Wärmepumpe haben sich durchgesetzt, weil sie die besten Technologien sind – ganz offen, ohne Vorgaben.
Timo Teggatz, Redakteur in Hamburg
“Losverfahren”: Ist das fair?
Beim Lottospiel oder auf dem Jahrmarkt kann ein Los zum Hauptgewinn führen. Bei der Bundeswehr dagegen könnte es bald darüber entscheiden, wer dient – und womöglich kämpft. Der Zufall soll helfen, wenn sich nicht genug Freiwillige finden. Doch ist das fair? Lose ziehen, um möglicherweise in den Krieg zu müssen? Ein Losverfahren teilt dann in zwei Gruppen: die Glücklichen, die nicht gezogen wurden, und jene, die „mitziehen“ müssen. Was macht das mit der Stimmung im Land, mit Solidarität und Gerechtigkeit? Immerhin bleibt allen die Möglichkeit zu verweigern – ganz ohne Los.
Constance Bürger, Redakteurin in Berlin
