Unfallforscherin: Fahrer unterschätzen Ablenkung im Straßenverkehr

Autofahrer sind aus Sicht der Unfallforscherin Kirstin Zeidler durch Handys oder die Bordtechnik ihrer Fahrzeuge im Straßenverkehr zu oft abgelenkt. „Diese Ablenkung kann fatal sein. Es reicht ein einziges Mal, dass etwas schiefgeht“, sagte Zeidler am Rande des 64. Deutschen Verkehrsgerichtstags in Goslar dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zeidler leitet die Unfallforschung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin.

In einer 2023 erschienenen Studie zum „Verkehrsklima in Deutschland“ habe rund jeder vierte Befragte angegeben, zumindest selten während der Fahrt E-Mails zu schreiben oder Textnachrichten zu verschicken, sagte die Expertin. Sie gehe daher von einem wachsenden Phänomen aus. „Erstaunlich dabei ist: In derselben Befragung geben die Menschen an, dass sie wissen, wie gefährlich ihr Verhalten ist.“

Fahrerinnen und Fahrer passen ihr Verhalten der Expertin zufolge zwar an, während sie abgelenkt seien, sagte Zeidler. „Sie machen Blicksprünge zwischen Verkehr und Handy oder drosseln die Geschwindigkeit.“ Diese Anpassung sei aber trügerisch. „Die Menschen haben dann das Gefühl, alles im Griff zu haben. Das ist aber de facto nicht so.“ 2024 seien mehr als 100 Todesopfer durch Ablenkung per Handy, andere Elektronik oder sonstige Ablenkung im Straßenverkehr gezählt worden.

Die Expertin sprach sich daher für schärfere Sanktionen und mehr Kontrollen aus. Aktuell bedeute ein „Handyverstoß“ für Autofahrer 100 Euro Strafe und einen Punkt in Flensburg. „Aus Befragungen wissen wir aber, dass ein zweiter Punkt schon viel bewirken könnte“, sagte Zeidler.

Zusätzlich forderte sie eine möglichst bundesweit einheitlich geregelte Einführung sogenannter Monocams, die meist an Brücken montiert sind und eine Handy-Nutzung am Steuer mithilfe von Künstlicher Intelligenz erkennen können. Diese umgangssprachlich „Handy-Blitzer“ genannten Geräte könnten deutlich mehr Verstöße aufdecken. Bisher würden sie seit 2025 nur in Rheinland-Pfalz eingesetzt.

Nicht zuletzt seien Hersteller gefragt, ihre Fahrzeuge möglichst ablenkungsfrei zu gestalten. „Alle wichtigen Fahrfunktionen sollten über Griffe, Hebel und Regler steuerbar sein“, sagte Zeidler. „Vieles Weitere könnte per Sprachsteuerung erledigt werden.“ Kritisch sieht sie hingegen die Zunahme immer größerer und komplizierterer Touchscreens.

Die Pflicht für Neuwagen, ab 2026 mit kameragestützten Ablenkungswarnern ausgestattet zu sein, sei ebenfalls ein wichtiger Schritt. Allerdings warnen aus Sicht der Expertin diese Systeme noch zu spät und müssten schärfer eingestellt werden.

Statistisch gesehen seien rund drei Prozent aller Verkehrsunfälle ursächlich auf Ablenkung zurückzuführen, sagte Zeidler. Die Statistik bilde aber die Realität nicht ab, warnte sie. „Wir gehen von einem enormen Dunkelfeld aus.“ Juristen und Verkehrsexperten aus ganz Deutschland beraten sich noch bis Freitag beim Verkehrsgerichtstag in Goslar, einem international beachteten Forum zur Sicherheit im Straßenverkehr.

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