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Unbequemer Debütroman über Fleischkonsum und Familienbande

Die sinnlich-direkten Romane von Lize Spit und Gaea Schoeters rütteln ihr Publikum auf. Der Dänin Caroline Stadsbjerg gelingt dies ebenfalls. Ihr Debüt ist packend, aber keine leichte Kost – im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist ein unscharfes, schattiges Video, das Hannah nachdenklich macht. Schnalzende Gummibänder sind darin zu hören, ein Knirschen und ein ersticktes Weinen – und ein Befehl: “Mach, was ich dir sage.” Solche Aufnahmen gibt es auch im wahren Leben: Man muss kaum etwas erkennen, um eine beklemmende Ahnung zu bekommen, was vor sich geht. Sie stammen zum Beispiel von echten Schlachthöfen. Das Video, das Hannah sieht, ist nicht echt – denn Hannah ist eine Romanfigur. Hier sind es keine Tiere, die geschlachtet werden – sondern eigens gezüchtete Menschen, genannt “Cibus”.

Autorin Caroline Stadsbjerg bedankt sich im Vorwort bei denen, “die selbst die makabersten Ideen unterstützen”. Ihr Roman “Carnivora”, der “in der nahen Zukunft” spielt, erscheint am Montag in deutscher Übersetzung. Und makaber erscheint es den meisten Romanfiguren überhaupt nicht, “Cibus” zu essen: Ein Schüler reagiert mit Augenrollen, als die Klasse diskutiert und Lehrer Leo von Mord spricht; ein anderer zuckt mit den Schultern, und eine Schülerin meint, dass der Lehrer “ziemlich düster” drauf sei.

Die Szene ist alltäglich – und zugleich macht gerade sie deutlich, wie schnell, innerhalb weniger Generationen, sich das Essen von Menschenfleisch vollständig normalisiert hat. Dies führe zu der zentralen Frage, “was wir als Essen betrachten”, sagt Stadsbjerg im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es ist nicht die einzige Szene, die – ohne jemals ins Horrorgenre zu kippen – für ein mulmiges Gefühl beim Lesen sorgt. Ein Museumsbesuch, bei dem Hannahs vierjährige Nichte die Wörter für “Kuh” oder “grunzen” nicht kennt, das en passant benannte Verspeisen etwa von “Cibushaxe” oder ein Besuch im Schlachthof machen ebenfalls nachdenklich.

Ums Nachdenken gehe es ihr, betont Stadsbjerg, deren Debüt in Dänemark eine breite Debatte ausgelöst hat. Genauer gesagt, um die Frage, ob man Nutztiere wie ein Produkt behandeln dürfe: “Oder wie Lebewesen, die Fürsorge verdienen”.

Kaum jemand wolle beim Essen darüber sprechen, woher das Lebensmittel komme, das gerade auf dem Teller liege, fügt die Schriftstellerin hinzu: “Das ist eigentlich schon ein Signal dafür, dass etwas seltsam läuft.” Moralische Urteile wolle sie nicht fällen, auch wenn sie selbst seit etwa zehn Jahren kein Fleisch mehr esse. “Wenn Menschen erklären, dass sie aus ethischen Gründen kein Fleisch essen, klingt das für diejenigen, die Fleisch essen, schnell wie ein Vorwurf: ‘Du machst etwas Unmoralisches’.”

Stadsbjerg ist 1994 geboren – und gehört damit zu einer Generation, in der sich viele Menschen für Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein engagieren. Kürzlich ergab eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), dass jüngere Menschen eher bereit seien, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn ökologische Effekte eingepreist würden. Im vergangenen Jahr war laut Statistischem Bundesamt auch die Herstellung von Fleisch und Fleischererzeugnissen leicht zurückgegangen – der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch aber nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung leicht gestiegen.

Dabei sei es in den vergangenen Jahren deutlich einfacher geworden, Alternativen zu Wurst und Burgern zu finden, sagt die Autorin. So gebe es immer mehr vegetarische und vegane Angebote. Allerdings sei der Vorsatz nicht realistisch, immer und überall im Sinne von Natur und Umwelt zu handeln: “Es wäre ein gutes Ziel, in 90 Prozent der Fälle gut zu handeln”, schlägt sie vor.

Die Auseinandersetzung mit diesen ethischen und alltagspraktischen Fragen, die auch wirtschaftliche Aspekte berühren, verläuft im Buch nicht weniger emotional als in realen Talkshows oder Politdebatten. Stadsbjerg legt den Finger in die Wunde: So habe die Corona-Zeit gezeigt, dass radikale Maßnahmen durchaus möglich seien, “wenn es drauf ankommt”. Ihr Roman ist vor allem spannend erzählt und faszinierend zu lesen – ob und was daraus folgt, ist jeder und jedem selbst überlassen.