Klemens Stadler (Axel Milberg) sucht in Brasilien seinen verschwundenen Sohn und stößt auf ein tödliches Netzwerk aus Lügen, Profit und Klimabetrug. “Verschollen” ist auch eine Art Beitrag zur Weltklimakonferenz COP30.
“Das war keine Verhaftung. Das sind Killer”, sagt der Staatsanwalt zu Klemens Stadler (Axel Milberg), kurz nachdem ihn die brasilianische Polizei laufen lässt. Ohne Mato Goncalves (Fernando Rodrigues) und die Anwältin Tais (Luka Omoto) wäre der frisch verrentete Bauingenieur aus Stuttgart ohnehin aufgeschmissen. Denn er ist im Cerrado, einer Savannenlandschaft im Süden des Amazonasgebiets, unterwegs und sucht seinen Sohn Jan (Max Hubacher).
Der ist als Wissenschaftler vor Ort, um die ökologische Verträglichkeit von gigantischen Aufforstungsgebieten der Firma Tree Planet zu zertifizieren. Denn im Cerrado wird Eukalyptus angebaut, aus dem dann angeblich CO2-neutral Holzkohle für die Produktion von grünem Stahl hergestellt wird. Gefördert von der Weltbank und anderen Stiftungen und Unternehmen – und offiziell natürlich höchst sauber und lückenlos überprüft.
Dass es damit nicht weit her sein kann, macht Jans Verschwinden klar, der in seiner letzten E-Mail schrieb, er könne das Projekt nicht mehr zertifizieren. Die Spur ist überdeutlich und führt den aus Deutschland angereisten Vater schnell zu den zunächst überaus freundlichen Verantwortlichen. Deutlich skeptischer stehen Stadler senior dafür die Einheimischen gegenüber, bis er auf Dona Ana trifft, deren Familie sein Sohn in einer brenzligen Situation geholfen hatte.
Und dann blättert “Verschollen” in bester Manier seines Autors und Regisseurs Daniel Harrich auf, worum es geht: Um die Flächen für die gigantische Aufforstung zu bekommen, wird der Cerrado systematisch abgeholzt und der Lebensraum der dort lebenden Menschen zerstört, die de facto entrechtet sind. Dabei ist der Naturraum Cerrado in Sachen CO2-Speicherung viel effektiver als die aufgeforstete Eukalyptus-Monokultur, was die Erdproben von Jan belegen. Doch für den Urwald gibt es keine CO2-Zertifikate, die für harte Währung gehandelt werden können. Die Botschaft des Films ist klar: Von umweltfreundlichem grünen Stahl kann hier keine Rede sein.
Wie immer bei Familie Harrich – Vater Walter macht mit Daniel die Kamera, Tochter Lea ist Producerin und die gesamte Familie auch Produzentin des Films – gibt es eine Doku zum Film, die das Thema noch einmal ganz sachlich-unfiktional beleuchtet. Und selten waren die fiktionale Geschichte und die Doku so deckungsgleich. Das liegt auch daran, dass man “eben nicht nur im Schwarzwald, sondern auch in Brasilien drehen konnte”, wie Daniel Harrich bei der Premiere des Films am Montag in Berlin erzählte.
Vor allem der Spielfilm gewinnt dadurch enorm. Auch weil Harrich nicht dem sonst unvermeidlichen fernsehdeutschen Synchronisierungsfimmel huldigt, sondern vor allem Portugiesisch und ein bisschen Englisch mit Untertiteln gesprochen wird. Dazu gehört auch der Kniff, Anwältin Tais dank eines Stipendiums mit deutschem Studienaufenthalt dann doch mit Stadler in seiner Muttersprache parlieren zu lassen.
Axel Milberg spielt diesen aufs Äußerste besorgten Vater mit einer großartigen Zurückhaltung, die gerade dadurch das Brodeln unter der oft schweißgebadeten Körperoberfläche sichtbar macht. Ja, in “Verschollen” wird geschwitzt, was das Zeug hält. Und wie Milberg bei der Premiere erzählte, geriet auch das Drehteam in bedrohliche Situationen, als klar wurde, dass hier keine Romanze, sondern ein ganz anderer Film gedreht wurde.
Auch das macht “Verschollen” authentischer als jeden aseptischen “Destination-Krimi”. Der wahre Krimi über Vertreibung, Umweltfrevel und miese Machenschaften unter dem Deckmantel des Klimaschutzes funktioniert ohnehin fast von allein. Was auch an den authentischen Bildern liegt. Decke und Wände der Kirche, die über und über mit den Bildern und Fotos verschwundener Menschen aus der Region übersät sind, sind keine dramaturgische Zuspitzung. Wie die Doku belegt, sieht das Gotteshaus im Hier und Jetzt genauso aus.
“Verschollen” ist Harrichs fiktional bislang bester Film, was auch an dem weiteren hervorragenden Cast liegt: Benjamin Sadler überzeugt als zugewandter, gelegentlich selbst zweifelnder Projektleiter vor Ort, Jürgen Hartmann gibt den skrupellosen Chef, Julia Koschitz die Weltbank-Vertreterin Diana Creutz, die für Jan eine Art Mentorin war und auf einer intellektuell-abstrakten Ebene durchaus Problembewusstsein zeigt: “Wir müssen extrem vorsichtig sein, sonst sind wir Neokolonialisten”, sagt sie angesichts der Proteste der Menschen vor Ort. Oder, wie es Tais gegenüber Stadler auf den Punkt bringt: “Sie können nach Deutschland zurück. Wir leben hier.”