Ukrainischer Seelsorger: „Wir leiden jeden Tag große Schmerzen“

Der ukrainische Priester Yurii Chornii betreut im Uniklinikum Lübeck verwundete Soldaten aus seinem Heimatland. Der vierjährige Einsatz an der Front habe die Menschen sehr verändert, sagt er.
Ukrainischer Seelsorger: „Wir leiden jeden Tag große Schmerzen“
Der ukrainische Priester und Seelsorger Yurii Chornii
Ostap Kostyk

Sie sind vor dem Krieg geflohen und versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen: Rund 3.000 Menschen aus der Ukraine leben in Lübeck. Einer von ihnen ist der Priester Yurii Chornii. Er stammt aus der Region Lemberg in der Westukraine. Wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf sein Land, im Juli 2022, kam er mit seiner Familie in die Hansestadt. Als Krankenhausseelsorger kümmert er sich im Universitätsklinikum Lübeck um verwundete ukrainische Soldaten. „Der Krieg verändert nicht nur die Einstellung der Soldaten zum Leben. Oft rauben die schrecklichen Erlebnisse ihnen auch den Bezug zur Realität“, sagt Chornii dem Evangelischen Pressedienst (epd).

 Es gebe einen großen Unterschied zwischen den Soldaten, die in den ersten Kriegsjahren verletzt wurden, und denen heute. „Früher strahlten die Augen unserer Verteidiger viel Licht aus. Sie haben über ihre Erlebnisse an der Front gesprochen“, erklärt Chornii. Ukrainische Soldaten kommen mit schweren und komplexen Verletzungen zur Behandlung nach Deutschland. Dazu gehören Gelenkverletzungen, Knochenbrüche, Verbrennungen, Verlust von Armen und Beinen, Verletzungen der Wirbelsäule und des Nervensystems.

Fast alle Familien trauern um Verstorbene

 Damals wollte sich jeder von ihnen kurieren und dann zurück zu seinen Kameraden an die Front. Die heutigen Verwundeten seien sehr schweigsam und gezeichnet vom Krieg und von dem Verlust ihrer Kameraden. Sie möchten alles verdrängen, was sie durchleben mussten. „Wenn sie dann mal sprechen, reden sie über verstorbene Menschen so, als ob sie noch am Leben wären. Die Soldaten sind scheinbar im Hier und Jetzt, aber eine Sekunde später schon weit weg“, erklärt der Seelsorger.

Eine Schule in Trümmern. Ein Mensch steht davor und sieht hoch.
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 Damit müssen auch die Angehörigen der Soldaten umgehen. Während es zu Beginn des Krieges noch viele Familien gab, die nicht direkt vom Krieg betroffen waren, trauern inzwischen fast alle Familien um Verstorbene. „Wir leiden jeden Tag große Schmerzen über den Verlust unserer Menschen“, sagt Chornii. Er habe viele Fotos mit Familie, Freunden und Kollegen, auf denen immer weniger zu sehen seien, die noch lebten. „Häuser und Straßen kann man wieder aufbauen. Aber diese Menschen kehren nicht mehr zurück.“

Kinder sind erschöpf

 Die ukrainischen Kinder seien die verletzlichste Gruppe und bräuchten deshalb besondere Unterstützung. „Die erste Hilfe besteht darin, die Kinder nicht allein mit dem Telefon oder Tablet zu lassen, damit sie sich nicht in Einsamkeit und Isolation verlieren“, sagt der Seelsorger. Sie hätten die deutsche Sprache in der Regel gelernt und seien gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Im Inneren seien sie aber erschöpft. Die Familie zerbreche oft daran, dass der Vater entweder tot oder fern von der Familie an der Front ist.

 Die ukrainische Gemeinde in Lübeck, für die Chornii als Priester zuständig ist, bietet Coachings an für Menschen, die solche Familien unterstützen möchten. Oft sei das aber schwierig. Mit der Antwort „Was willst du denn schon helfen? Du bringst mir morgen doch weder meinen Vater noch meinen Mann zurück“, blockten die Familien ab.

Akzeptieren statt vergleichen

 Auch der Neustart in Deutschland mit anderer Kultur und Mentalität sei für viele nicht leicht. Die meisten Ukrainer ließen in der Heimat nicht nur ihren Besitz zurück, sondern auch ihr Leben, ihre sozialen Kontakte, ihre Träume und Pläne, erklärt Chornii. In Deutschland müssten sie bei Null anfangen. Einen Arbeitsplatz bekommen sie oft nicht, weil ihnen die Berufserfahrung in deutschen Betrieben fehlt.

 „Die Menschen sehnen sich sehr nach dem, was sie vor dem Krieg waren. Aber jedem von uns ist klar, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Krieg“, weiß der Priester. Es sei deshalb wichtig, dass seine Landsleute schnell aufhörten, Deutschland mit der Ukraine zu vergleichen. „Je schneller man die Dinge so akzeptiert, wie sie sind, desto schneller findet man inneren Frieden und Ruhe.“

 Frieden in seiner Heimat ist nach Meinung des Seelsorgers nur unter mehreren Voraussetzungen möglich. „An erster Stelle steht die vollständige Einstellung der Kampfhandlungen und der Abzug der russischen Truppen aus dem Gebiet der Ukraine. Ohne einen echten Waffenstillstand sind alle anderen Schritte nur politische Spielchen, leere Parolen und Versprechungen.“ Voraussetzung für Friedensverhandlungen sei außerdem die gerechte Verurteilung des Aggressors und seiner Verbrechen.

 

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