Als ich Mitte September 2025 zum dritten Mal seit zwei Jahren in die Ukraine fuhr, herrschte dort eine bemerkenswerte und ungewöhnliche Stille: Dort, wo ich mich aufhielt, gab es – anders als sonst – kaum Luftalarme. Entsprechend schnell hatte ich selbst vom Angst-Modus in den Normal-Modus umgeschaltet. Ähnliches konnte ich auch bei der Bevölkerung spüren. Auch durch die vielen sonnigen Tage in diesem Frühherbst stellte sich das Gefühl ein, es könne doch alles gar nicht so schlimm sein. Die Fotos, die ich in die Heimat schickte, strahlten genau das aus – und verursachten entsprechende Rückfragen. So wie diese Bilder den Kriegszustand fast vergessen lassen, gibt es tatsächlich viele Menschen, die den russischen Angriffskrieg leugnen. Deshalb bleibt ein merkwürdiges Gefühl zurück, wenn ich Bilder und Erlebnisse meiner Reise Revue passieren lasse.
Da ist der Bruder eines Freundes aus der Ukraine: Dieser Bruder lebt in Moskau und kann seine Mutter in der Oblast Cherson, eine von 25 Verwaltungseinheiten in der Ukraine, problemlos besuchen. Mein Freund in der Ukraine kann das nicht. Denn der Teil der Region, in dem die Mutter wohnt, ist russisch besetzt. Die beiden Söhne und die Mutter können also nicht zusammenkommen. Der Moskauer Bruder müsste sein prorussisches Weltbild korrigieren, um zu begreifen, warum das so ist. Weil er das aber nicht will, tut er lieber etwas anderes: Er leugnet den Krieg und behauptet, das sei Propaganda.
Auch in Deutschland erlebe ich eine solche Verweigerung, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Jemand behauptete mir gegenüber sogar ernsthaft, dass mein ukrainischer Freund eine Erfindung sei und gar nicht existiere. Mir wurde klar: Menschen sind eher in der Lage, unfassbare Lügen zu glauben – nur weil sie nicht umkehren und umdenken können, weil sie dann Vertrautes aufgeben und einsehen müssten, dass sie sich irren. Der ganze „Markt“ von Verschwörungstheorien und sogenannten alternativen Fakten hat möglicherweise in dieser Vermeidungsstrategie seine Ursache. „Dass alles wieder so wird, wie es mal war“, äußert ein älterer Herr seiner DDR nachtrauernd in der Filmkomödie „Good Bye, Lenin!“ als Geburtstagswunsch am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung. Man könnte darüber lachen, wenn die Konsequenzen dieser Einstellung nicht andernorts so viele Menschenleben kosten würden. Entsprechend gewinnen solche Parteien, ob links oder rechts, erheblich an Stimmen, die das passende Programm dazu liefern: nämlich sich der Wirklichkeit zu verweigern. Stattdessen suggerieren sie den Wählerinnen und Wählern, man müsse nur eine „gute alte Zeit“ restaurieren, wie sie vor der Globalisierung bestanden habe. „Make“ our country „great again“ – sodass „dass alles wieder so wird, wie es einmal war.“
Himmel über der Ukraine
Schöne, herbstliche Bilder mit blauem Himmel über der Ukraine, viel Grün und jungen Leuten – Invalide, die man auch sieht, übersieht man schnell mal. Und doch: Daran merkt man, dass in der ganzen Ukraine Krieg herrscht. Das Land erscheint im herbstlichen Zwielicht eines Friedens, der keiner ist. Und der schon in der nächsten Nacht wieder von Russland zerbombt wird, das genauso denkt: „Make“ die Sowjetunion „great again“, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Zerstört von einem Russland, das daraus die radikalsten Konsequenzen zieht und keine Korrektur des einmal eingeschlagenen Weges zulassen will. Einige weitere Beispiele des gefährdeten Friedens: Auf einem großen Platz parkt ein mattgrau angestrichener, umgebauter Linienbus, beschrieben mit dem Wort „Kill-House“ (ein Schießübungsplatz mit echter Munition): Dort hinein werden potenzielle Soldaten zu einem Testlauf im Steuern von Drohnen eingeladen. In der Ukraine ist so ein „Kill-House“ Teil des Umstandes, dass dieses Land alles in die Waagschale werfen muss, um nicht unterzugehen.
Um in Deutschland zeigen zu können, was der Krieg anrichtet, fotografiere ich in einer größeren Stadt ein historisches Marktgebäude, das von einer Drohne zerstört wurde. Da so auch russische Spione die „Erfolge“ ihres Landes dokumentieren, werde ich verdächtigt und missbilligend angesprochen. Im Nachhinein verständlich. Auch das sehe ich in jener Stadt: bitterböse Karikaturen an einer Bretterwand, die vor allem Putin und Trump zeigen, aber auch das westliche Europa, das viel analysiert und wenig entschlossen handelt. Eskortiert von einem Polizeiauto mit Blaulicht reisen Soldaten mit einem Bus an die Front. An der Seite steht eine Frau und bekreuzigt sich, als sie das sieht.
Ein Stadtrundgang
Mein Kollege und ich laufen an einem Montag durch die Stadt. Eine Polizeistreife hält an und will meine Papiere sehen. Als ich ihnen meinen deutschen Reisepass gebe, ist ihnen schnell klar: Dieser Mensch ist nicht zu rekrutieren. Die Orte in Städten und Dörfern, an denen der toten Soldaten namentlich und mit Bildern gedacht wird, wachsen weiter. Mehr Invalide laufen auf den Straßen, teilweise junge Leute, die das Leben eigentlich noch vor sich haben sollten. Der Krieg verlangt auch andere Denkmäler. Russische Dichter verlieren bisweilen ihre Plätze – nicht, weil man ihr literarisches Können bezweifelt. Sondern weil die russische Kultur vergiftet worden ist. Auch sie dient als Vehikel für das tödliche Treiben unter der Maßgabe „Make“ UdSSR „great again“. Stattdessen moderne Denkmäler mit Bildern von Menschen, die vielleicht gerade erst gestorben sind und deren Leistung es war, für einen begrenzten Zeitraum das Land militärisch zu verteidigen.
Die „Minute nach Neun“: Bei meinen vorigen Besuchen war mir das entgangen. Aber mittlerweile erinnert sogar die Luftalarm-App auf dem Mobiltelefon täglich daran. Um neun Uhr ukrainischer Zeit steht das Leben im ganzen Land an vielen Orten für eine Minute still. Ich erlebte das in einem Baumarkt besonders eindrucksvoll: Beim Einkaufen das übliche Musik- und Werbungsgedudel. Aber dann kam die Unterbrechung. Eine Stimme erklärt, warum es gleich still wird. Während ein Metronom hörbar die Sekunden zählt, stehen Kunden und Mitarbeitende für eine Minute still und gedenken der Opfer der russischen Invasion. Danach fährt das Musikgedudel wieder hoch. Vor manchen größeren Gebäuden stehen Dieselgeneratoren, als hätte jemand dort ein quaderförmiges Auto geparkt. Sie springen an, wenn die russische Seite mal wieder Kraftwerke und Stromleitungen bombardiert.

Moralische Urteile nutzlos
Dieser Rundumschlag an Eindrücken von einem veränderten Land setzt den Gedanken frei: Über vieles würde bei uns in Deutschland der moralische Stab gebrochen werden; mindestens aber wäre Kopfschütteln zu erwarten. Vieles davon kann niemand wollen, solange man im Frieden lebt. Aber hier in der Ukraine lebt man nicht im Frieden. Und so werden moralische Urteile ziemlich schal im Geschmack. Will man trotzdem weiter urteilen, muss man die Wirklichkeit bestreiten – diese Überlegung vom Anfang kommt mir wieder in den Sinn. Sie lässt sich auch umdrehen: Willst du die Wirklichkeit bestreiten, hast du auf einmal moralische Urteile dafür zur Verfügung. So kommt es zu der grotesken Situation, dass die Friedenstaube mittlerweile von Leuten entdeckt wird, deren politische Verortung das eigentlich gar nicht erwarten ließ. Der gegenwärtige US-Präsident als möglicher Träger des Friedensnobelpreises: Es wäre keine Überraschung mehr.
Buchstabieren wir diese Neubewertung alter moralischer Urteile einmal an einem umstrittenen Gefühl durch. Verbreitet ist die Ansicht, Hass sei ein böses Gefühl, das man sich versagen müsse. Aber es ist doch anders: Hass ist etwas, das du nicht aus dem Nichts erzeugst. Sondern du entdeckst es auf einmal an dir. Denn Hass ist die Reaktion darauf, dass dir andere Menschen deine Existenz streitig machen. Moralisch zu verurteilen ist daher nicht der Hass selbst, sondern das, was dazu führt: die reale Bedrohung – genauso wie Menschen, die den Hass bewusst schüren, obwohl es dafür keinen direkten Anlass oder keine Rechtfertigung gibt. Deshalb ist der Gedanke, Hass sei die böse Alternative zur guten Liebe, nicht so klug, wie es zunächst scheint.
Nächstenliebe als letzter Schluss
Die Liebe, zu der uns die Bibel auffordert, ist nämlich kein Gefühl wie der Hass, sondern fordert einen Entschluss: nämlich Gott über alles sowie den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Die Liebe zum Feind, die höchste Form der Liebe zum Nächsten, hat dann in der Tat etwas mit dem Hass zu tun: Wenn ich Hass an mir entdecke und trotzdem die Kraft aufbringe, genau den Menschen zu lieben, der mir gerade die Existenz streitig macht, dann ist das Feindesliebe. Damit ist aber auch klar: Diese besondere und höchste Form der Nächstenliebe kann ich nicht von anderen verlangen. Denn anders als die Liebe zum Freund ist Feindesliebe der reife und einsame Entschluss, den Kürzeren zu ziehen – wie es Jesus am Kreuz getan hat.
Von der Ukraine zu verlangen, jetzt mal ihre russischen Feinde zu lieben und einseitig das Kämpfen einzustellen, wäre deshalb eine ganz und gar zynische Forderung. Die kann nur der erheben, der sich neutral, sprich: der sich an Gottes Stelle glaubt. Aber kein Mensch ist neutral. Neutral, das wäre für mich das Unwort des Jahrzehnts, weil es nur der Deckmantel dafür ist, sich der eigenen Versuchung zum Hass nicht zu stellen und stattdessen den Hass anderer zu verurteilen. Was bleibt zu tun? Wenig – und doch vielleicht mehr als gedacht. Denn als Christinnen und Christen können wir immer wieder für die Ukraine und für andere von Krieg überzogene Völker das Eine tun: beten. „Der Herr behüte Land und Leute!“ Ja, wie wäre es: Ab heute jeden Tag um neun? Für gerade einmal eine Minute? Ich bin dabei.
Wolfgang Krautmacher ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land. Weitere Informationen dazu auf der Homepage des Evangelischen Kirchenkreises Oderland-Spree www.ekkos.de.
