In seinem neuen Buch “Mit Gott gegen die Demokratie” erläutert Arnd Henze, wie Religion zum Machtinstrument wird. Arnd Henze ist Fernsehjournalist beim WDR, Theologe und Publizist. Er hat viele Jahre als außenpolitischer Redakteur und Korrespondent – vor allem aus den USA – für Tagesschau, Tagesthemen und den ARD‑Weltspiegel berichtet und sitzt in der EKD-Synode.
Herr Henze, Sie nennen Donald Trump in Ihrem Buch einen „Rächer“. Wessen Kränkungen rächt er eigentlich?
Arnd Henze: Für Trump selbst geht es vor allem um persönliche Kränkungen und narzisstische Wunden. Spannender ist aber, was er für die Maga-Bewegung verkörpert: Sie sieht das 20. Jahrhundert als Jahrhundert der Niederlagen – kulturell, politisch, theologisch. Immer wieder Kulturkampf: gegen Evolution, gegen Frauenrechte, gegen Bürgerrechte, gegen gleiche Rechte für queere Menschen. Und immer wieder endete es für sie spätestens am Supreme Court, weil die Verfassung Grenzen setzte. Trump erscheint ihnen als derjenige, der dieses Jahrhundert der Niederlagen endlich rächt – er schert sich schlicht nicht um Verfassung und Gerichtsurteile.
Und das können Christinnen und Christen mittragen?
Das biblische Vorbild, auf das viele verweisen, ist der Perserkönig Kyros: kein frommer Mann, aber von Gott genutzt, um das Gottesvolk zu befreien. In dieser Logik sagen sie: Wir brauchen keinen moralisch untadeligen Christen, sondern jemanden, der „für uns kämpft“ – gegen Feministinnen, „woke Eliten“, Migranten, liberale Richter.

Sie greifen den Begriff „Sadopopulismus“ auf. Was beschreibt er?
Der Begriff stammt von dem Historiker Timothy Snyder und beschreibt, wie eine Politik inszenierter Grausamkeit gegenüber Schwächeren die eigenen Anhänger dafür „entschädigt“, dass sich ihr reales Leben gar nicht verbessert. Stattdessen sagen die Mächtigen: „Es geht euch vielleicht nicht besser – aber schaut, wie sehr die anderen leiden.“
Arnd Henze: Leid von Migranten gehört zur Inszenierung
Das Leiden von Migranten an der Grenze, Bilder aus Abschiebezentren, die Lust daran, Minderheiten öffentlich zu demütigen: Das gehört zur Inszenierung. Trumps Politik nützt materiell vor allem den Reichen, nicht den vielen, die ihn gewählt haben. Um das zu übertünchen, braucht er dieses Versprechen der Vergeltung.
Und das funktioniert?
Mittlerweile nur noch teilweise. Der Sadopopulismus radikalisiert den ganz harten Kern – vielleicht 15 bis 20 Prozent. Aber gleichzeitig zerbricht er die Brücken zu den vielen, die Trump 2024 aus anderen Gründen gewählt haben. Das sehen wir in Umfragen: Selbst bei seinem Kernthema Migration sagen inzwischen rund zwei Drittel: „So wollen wir das nicht.“ Insofern geht die Rechnung nicht auf.
Was ist „christlicher Nationalismus“ – und wie unterscheidet er sich von „evangelikal“?
Der klassische Evangelikalismus ist eine religiöse Frömmigkeitsform: persönliche Bekehrung, Bibeltreue, Mission. Christlicher Nationalismus ist eine politische Ideologie. Sie behauptet, Amerika sei als christliche Nation gegründet worden und der Staat müsse diese Identität durchsetzen – notfalls gegen die Demokratie. Religion wird zum Machtinstrument.
Nicht alle Evangelikalen sind christliche Nationalisten, und nicht alle christlichen Nationalisten sind evangelikal. Es gibt auch katholische Varianten.
Welcher Rolle "Project 2025" spielt
Aber die Ideologen des christlichen Nationalismus sind sehr erfolgreich darin, evangelikale Strukturen zu infiltrieren und deren Sprache zu benutzen. Gleichzeitig hat das mit dem Evangelium oft nur noch wenig zu tun: Die klare Botschaft von Bergpredigt und Nächstenliebe wird systematisch ausgeblendet.
In Ihrem Buch spielt „Project 2025“ eine zentrale Rolle. Was ist das?
Ein über 900 Seiten langes Strategiepapier, vor allem aus dem Umfeld der Heritage Foundation. Es war im Wahlkampf 2024 eine Blaupause dafür, wie man die USA in einen autoritären, christlich-nationalistischen Staat umbauen kann: Gleichschaltung der Bundesverwaltung, Besetzung von Schlüsselstellen, Schwächung unabhängiger Behörden, politischer Zugriff auf Justiz und Medien.

Trump selbst liest keine 900 Seiten. Das ist Teil seines Deals mit der Maga-Bewegung: Er darf erratisch und narzisstisch bleiben – dafür darf sich in seinem Umfeld ein Machtzirkel halten, der klare Pläne hat. Etwa Leute wie Russell Vought oder Stephen Miller, die genau wissen, was sie tun. Vought steuert, wohin die Milliarden der Regierung fließen – vorbei an gewachsenen Checks and Balances. Miller ist der Architekt der migrationspolitischen Härte. Unter ihrer Regie werden Behörden zu Waffen im Kulturkampf.
Sie schildern Minneapolis als Wendepunkt. Was haben Sie dort gesehen?
Etwas, für das manche den Begriff „Neighborism“ geprägt haben. „Neighbor“ heißt im Englischen zugleich Nachbar und Nächster. Die Proteste nach den ICE-Einsätzen hatten keine großen ideologischen Manifeste, sondern eine ganz einfache Logik: „Was ich hier mit eigenen Augen sehe, darf nicht sein. Es kann nicht sein, dass Menschen, denen ich im Supermarkt begegne, plötzlich in Angst leben, von Vermummten in Autos ohne Kennzeichen gezerrt zu werden und zu verschwinden.“
Diese Mobilisierung der Nachbarschaft erweist sich inzwischen als stärker als die inszenierte Grausamkeit. Sie erklärt, warum in manchen „urliberalen Bürgergesellschaften“ wie Minneapolis oder auch in Städten wie Charlotte eine erstaunliche Resilienz entstanden ist – ein Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Kirchengemeinden, Bürgermeistern, Gouverneuren und Polizeichefs, die bewusst deeskalieren, statt Trumps Militarisierungsszenario mitzuspielen.
Warum sollte uns das in Deutschland kümmern – außer dass es die USA betrifft?
Erstens, weil es transatlantische Netzwerke gibt, die sehr bewusst nach Europa wirken – etwa Organisationen wie die „Alliance Defending Freedom“, die mit Millionenbeträgen Juristen und Lobbyisten unterstützt, um hier Gesetzgebungsprozesse zu beeinflussen und Märtyrergeschichten zu produzieren.
Zweitens wirbt die AfD gezielt an kirchlichen Rändern und in manchen Freikirchen um Unterstützung.
"Das hilft nur der AfD"
Ich warne allerdings davor, ihre Eigenerzählung zu übernehmen und das zu einer bereits mächtigen Bewegung hochzustilisieren. Das hilft nur der AfD. Wichtiger ist: dass wir unsere eigenen Botschaften schärfen – eine Kirche, die Nächstenliebe, Menschenwürde und Nachbarschaft nicht nur predigt, sondern lebt. Genau da können wir von den zivilgesellschaftlichen Erfahrungen in den USA lernen.
Was bedeutet der aktuelle Angriff der USA und Israel auf Iran? Damit bricht Trump ja eines seiner zentralen Wahlversprechen: Er beendet keine Kriege, er beginnt neue. Wieder sterben US-Soldaten.
In dem Angriff auf den Iran liegt eine riesige Sprengkraft für die Maga-Bewegung. Auf der einen Seite gibt es die 10 bis 15 Millionen christlicher Zionisten, deren massive Unterstützung für die israelische Rechtsregierung in Israel in der apokalyptischen und durchaus kriegerischen Sehnsucht nach der Rückkehr des Messias im „Heiligen Land“ begründet ist. Auf der Gegenseite gibt es die traditionellen weißen Isolationisten, denen es nur um ein christlich-nationalistisches „America First“ geht. Entlang dieser Bruchlinie tobt schon seit Wochen ein heftiger Streit um den Irankrieg – übrigens mit offen antisemitischen Tönen. Und irgendwo dazwischen steht der selbsternannte „Christian Warrior“ Pete Hegseth, der als Kriegsminister die größte Streitmacht der Welt führt.
Am Ende Ihres Buches entwerfen Sie ein Worst-Case- und ein Best-Case-Szenario. Was wäre das Schlimmste?
Im Worst Case ist die Radikalisierung so weit fortgeschritten, dass Trump und seine Leute wissen: Mit freien Wahlen gewinnen wir keine Mehrheit mehr. Dann liegt es in ihrer Logik, Wahlen zu manipulieren oder zu verhindern – mit dem Ziel eines faktisch autoritären Systems. Wenn das nach den nächsten Zwischenwahlen gelingt, wäre schnell eine Schwelle erreicht, hinter der demokratische Korrekturen kaum noch möglich sind.
Und was spricht für den besseren Weg?
Dass sehr viele Menschen ihre Illusionen mit Blick auf Trump verloren haben und seine Bindekraft schwindet. Dieser Extremismus wäre bei einer Wahl wohl kaum noch einmal mehrheitsfähig. Gleichzeitig wachsen Gegenbewegungen: Nachbarschaft, Bürgergesellschaft, Kirchen, föderale Strukturen. Das alles ist keine Garantie – aber es sind reale Möglichkeiten. Ich nenne das „illusionslose Hoffnung“: Wir dürfen weder die Gefahren kleinreden noch die Hoffnungsräume übersehen . Nur wenn wir beides ernst nehmen, entsteht Energie, sich zu engagieren – in den USA wie bei uns.
