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“Triegel trifft Cranach” – Über den Altar im Naumburger Dom

“Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten” ist ein Dokumentarfilm über die Arbeit des Malers Michael Triegel, der den Mittelteil des Lucas-Cranach-Altars im Naumburger Dom neu gestalten soll.

In einer Leipziger Metzgerei kauft sich der Künstler Michael Triegel zwei Kalbsköpfe – als Malvorlage für ein Altarbild. Während er den blutigen Totenkopf auf die Holztafel malt, sinniert er über das Hässliche und das Schöne in der Kunst und die Rilke-Zeile “Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen”.

Er sei eigentlich ein ängstlicher Mensch, erzählt Triegel, und schaue gerne Horrorfilme: “Da weiß ich wenigstens, wovor ich mich fürchte.” Nicht zurückgeschreckt ist der Künstler vor dem Auftrag, den fehlenden Mittelteil des Marienaltars im Naumburger Dom neu zu malen. Die erhaltenen Seitenflügel stammen von Lucas Cranach dem Älteren, an dessen Malkunst sich der Leipziger Maler nun messen lassen muss.

Fünf Jahre lang hat der Regisseur Paul Smaczny den Maler bei der Neuschöpfung und auf Reisen nach Italien begleitet. “Triegel trifft Cranach” ist das Porträt eines Künstlers, der unbeirrt an der altmeisterlichen Figuration festhält und als Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig Raffael, Michelangelo, Pontormo und Dürer zu seinen wichtigsten Lehrern zählt.

Neben der Mitteltafel hat Triegel auch die beiden langgestreckten Bildtafeln des Altar-Unterbaus gestaltet. Die Symbole des letzten Abendmahls auf der Vorderseite mit Weinkaraffe und Brot ergänzt der Künstler mit einem Menschen- und einem Tierschädel; auf der Rückseite ist das leere Grab mit Leichentuch, Dornenkrone und Kreuznägeln zu sehen. Der auferstandene Jesus der Mitteltafel-Rückseite rückt als fertiges Gemälde zwar in Triegels Atelier dann und wann ins Bild – doch im Mittelpunkt des Films steht dessen Darstellung der Maria mit dem Jesuskind auf der Vorderseite.

Diese Gewichtung kommt einer historischen Korrektur gleich: Im Jahr 1541 – insgesamt 22 Jahre nach Fertigstellung durch Cranach – wurde der Mittelteil bei einem Bildersturm zerstört, der mit der Einführung der Reformation in Naumburg zusammenhing. Der Theologe Nikolaus Medler hatte es vor allem auf Marienbilder abgesehen; er verschaffte sich mit einem Haufen bewaffneter Metzgergesellen gewaltsam Zugang zum Dom und riss dem Cranach-Altar gleichsam das Herzstück heraus. Von der Mitteltafel blieb keine Spur. Was für Triegel auch Glück im Unglück ist: Denn ohne Vorgaben konnte er ganz von vorne anfangen.

Abstecher nach Florenz, Rom und Mailand zeigen Triegels tiefe Verbundenheit mit Italien und der Renaissance. In Erfurt geboren, war Triegel bis zum Abitur und einer anschließenden Tätigkeit als Schrift- und Grafikmaler noch DDR-Bürger. Die Wendezeit und die Möglichkeit zu reisen – 1990 begann er ein Studium an der HGB Leipzig – erlebte er als Offenbarung. Mit dem Besuch einer Karfreitagsprozession auf die Insel Procida im Golf von Neapel setzt der Film einen kräftigen Akzent auf die Religiosität des Protagonisten, der 2014 die Konfession wechselte und sich, ursprünglich evangelisch, in der Dresdner Hofkirche katholisch taufen ließ.

Der Wechsel zwischen Atelier- und Außenszenen bestimmt die Struktur von “Triegel trifft Cranach”. Zugleich wird deutlich, dass dem Maler die Ideen nicht im luftleeren Raum zufliegen, sondern dass die Konzeptionen auf der Anschauung (mitunter) alltäglicher Dinge beruhen. Obwohl sich der Künstler an Cranachs Stil anlehnen muss, werden die Gestalten auf der Vorderseite von heute lebenden Personen verkörpert.

Für das Jesuskind stand ein Säugling Modell. Maria trägt die Züge von Triegels 16-jähriger Tochter Elisabeth; die heilige Anna gleicht seiner Ehefrau Christine Salzmann bis aufs fein gemalte Haar. Triegel erzählt auch, wie die anderen Heiligenfiguren aufs Holz gekommen sind. Den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer malte er auf Anregung der Vereinigten Domstifter ins Bild. Im Gemälde tauchen auch ein Obdachloser mit Basecap und ein Rabbiner auf.

Zu jeder Figur hat der Künstler etwas zu erzählen. Das tut er fesselnd. “Triegel trifft Cranach” kommt mit nur wenigen Talking Heads aus. Kunsthistoriker und Theologen sprechen mit Triegel, wodurch eine Art Diskurs entsteht. Schön ist eine Szene mit Arbeitern, die während des Aufbaus im Naumburger Dom mit dem Künstler lebhaft ins Gespräch kommen.

Am intensivsten wirkt jedoch das Zwiegespräch des Künstlers mit dem Madonnenbild, dem sich Smaczny ausgiebig widmet. Faszinierend, in welcher Geschwindigkeit Triegel die Gesichtszüge seiner Figuren mit dem Pinsel hinwirft, imponierend, wie er auf die plane Fläche das kostbare Ehrentuch zaubert, das die Heiligen um Maria und das Jesuskind halten. Virtuos gestaltet der Maler Faltenwurf und florales Muster. Zu seiner illusionistischen – für viele Betrachter anachronistischen – Malweise mag man stehen, wie man will. Es macht aber schlicht Freude, Triegel zuzusehen.

Der bodenständig-handwerkliche Aspekt wird durch die Filmmusik von Kilian Ruben Smaczny zeitweilig allerdings torpediert, die mit silbrigen, an Barockmusik orientierten Klängen eine Weltabgeschiedenheit, womöglich auch einen nicht mehr zeitgemäßen Geniebegriff transportiert, der wohl auch an der Kunstauffassung von Michael Triegel vorbeigeht.

Cranachs originale Seitenflügel mit den Porträts von Stifterbischöfen und Heiligen wurden nach dem Bildersturm im Jahr 1541 im Naumburger Domschatzgewölbe gelagert. Schon zu Anfang des Films wird betont, warum der Cranach-Altar in den Westchor des Doms, an seinen ursprünglichen Standort, gehört. Smaczny zeigt auch die feierliche Einweihung des komplettierten Altars im Westchor 2022.

Doch die Freude ist getrübt, denn das zuständige Unesco-Fachgremium hat jüngst Bedenken gegen den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom erhoben. Der Altar habe eine “beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom”, heißt es; er beeinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten Stifterfiguren. Seither wurde der Altar in Naumburg abgebaut, wieder aufgebaut und wieder entfernt, um seit Sommer 2025 “für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan” – im Campo Santo Teutonico – zu finden, wie eine Texteinblendung informiert.

Die evangelische Landeskirche in Sachsen-Anhalt und Thüringen riskiert mit einem erneuten Aufbau, dass die Unesco den Welterbestatus des Naumburger Doms aberkennt. In Naumburg hofft man jedenfalls auf die Rückkehr des Altars – und auf ein Umdenken der Verantwortlichen.

Am Ende des schönen Dokumentarfilms ist eines klar: Mag die Kunst auch noch so vollendet sein, sie ist nie fertig; ihr Gehalt und ihre Qualität stehen immer wieder zur Disposition. Wahrscheinlich hat der Videokunst-Pionier Nam June Paik recht, der einmal anmerkte: “When too perfect, lieber Gott böse.” Was wohl auch für Denkmalschützer gilt.