Artikel teilen:

Trendwende bei Überschuldung in Deutschland

“Kauf jetzt, zahl später” wird zum Bumerang: Erstmals seit vielen Jahren nimmt die Zahl überschuldeter Menschen in Deutschland wieder deutlich zu. Die Politik reagiert mit einem neuen Gesetz.

Jahrelang sah es so aus, als könnten die Krisen der vergangenen Jahre an vielen privaten Haushalten in Deutschland spurlos vorübergehen. Pandemie, Krieg, gestiegene Energiepreise, Inflation – all das hinterließ zwar Nervosität, aber keine höhere Überschuldung. Jetzt zeigt der neue “Schuldneratlas” der Wirtschaftsauskunftei Creditreform: Die Schonzeit ist vorbei. Und zwar deutlich.

5,67 Millionen Erwachsene gelten demnach zum Stichtag 1. Oktober 2025 als überschuldet, rund 111.000 mehr als im Vorjahr. Der Anteil der überschuldeten Erwachsenen an der Bevölkerung stieg von 8,09 Prozent im vergangenen Jahr auf 8,16 Prozent. Nach sechs Jahren des Rückgangs nimmt damit die Zahl überschuldeter Menschen in Deutschland erstmals wieder spürbar zu.

“Die Trendwende ist da – und sie kommt mit Ansage”, sagte der Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch, bei der Vorstellung des “Schuldneratlasses” am Freitag. Viele Menschen hätten ihre finanziellen Puffer in den vergangenen Jahren aufgebraucht. “Die Multikrise hat nicht nur Spuren hinterlassen, sie wirkt jetzt nach.”

Die Gründe seien vielschichtig: weiter hohe Lebenshaltungskosten, steigende Mieten, teurere Energie und ein schwächelnder Arbeitsmarkt. “Wir sehen eine breite wirtschaftliche Ermüdung”, so Creditreform-Geschäftsführer Bernd Bütow. Während der Lockdowns und der Energiekrise hätten viele Verbraucher gespart – mangels Möglichkeiten zum Ausgeben und aus Vorsicht. Doch diese Phase sei vorbei.

Creditreform ist ein Wirtschaftsauskunftei- und Inkassounternehmen mit Sitz im nordrhein-westfälischen Neuss. Es sammelt und analysiert Bonitätsdaten von Privatpersonen und Unternehmen und veröffentlicht jährlich seit mehr als 20 Jahren den “Schuldneratlas Deutschland”. Als überschuldet gelten demnach Menschen, deren Ausgaben dauerhaft höher sind als die Einnahmen und die weder Rücklagen noch Kreditspielräume haben.

Die Zahlen zeigen in diesem Jahr eine Verschiebung in der Struktur der Betroffenen. Überschuldung trifft nicht mehr nur klassische Risikogruppen. Der “Schuldneratlas” spricht von einer zunehmenden Erosion der Mitte. Normal- und Gutverdiener geraten häufiger in Schwierigkeiten – Menschen, die lange gut klarkamen, aber nun ihre Belastbarkeit überschätzt haben. Dazu kommt ein starker Anstieg an den Rändern: Junge Erwachsene verlieren zunehmend den Überblick über Ratenkäufe und “Buy now, pay later”-Modelle; Ältere kämpfen mit steigenden Preisen und knappen Renten. “An den Rändern wird es enger”, sagte Analyst Rainer Bovelet.

Der Deutsche Caritasverband beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. “Wir dürfen diese Menschen nicht im Regen stehen lassen”, erklärte Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa. Die Nachfrage nach sozialer Schuldnerberatung sei in zwei Dritteln der Beratungsstellen um bis zu 30 Prozent gestiegen. Besonders bei jungen Menschen nehme die Verschuldung spürbar zu. Zugleich machten Ratenzahlungsmodelle inzwischen selbst bei Lebensmitteln und Energie Ausgaben möglich, die früher direkt bezahlt werden mussten.

Die Diakonie verweist derweil auf eine andere Gruppe, die in den Daten besonders hervorsticht: ältere Menschen. Viele suchten aus Scham oder Unwissenheit gar keine Beratung auf, so Diakonie-Bundesvorständin Elke Ronneberger. Ein Modellprojekt zur aufsuchenden sozialen Schuldnerberatung zeige jedoch, dass Hausbesuche und Beratungsangebote in vertrauten Umgebungen Zugangsbarrieren deutlich senkten. Die Diakonie fordert eine dauerhafte Finanzierung solcher Ansätze.

In der Politik scheinen die Alarmsignale bereits angekommen zu sein: Der Bundestag verabschiedete am Freitag ein Gesetz, das den Zugang zur unabhängigen Schuldnerberatung sichert und kostenlose Angebote stärken soll. Damit setzte er eine entsprechende EU-Richtlinie um. Bundesweit existieren laut Justizministerium derzeit fast 1.400 Schuldnerberatungsstellen von Kommunen und gemeinnützigen Trägern.

Für 2026 erwarten die Experten von Creditreform unterdessen keine Entspannung. Im Gegenteil: Zinsen, Preise und Arbeitsmarktentwicklung könnten die Menschen in Deutschland weiter belasten.