Ob Martin Luther jemals seinen „Tölpel“, ein Spitz, segnete, ist nicht überliefert. Vermutlich nicht. Er mochte sein Haustier sehr, das ihm ein treuer Begleiter war. Luther schätzte Fauna und Flora als „Geschöpfe Gottes“, die aber seelenlos sind und dem Menschen untergeordnet. Ein halbes Jahrtausend später läuft Hans-Jürgen Stamm ein Schauer nach dem anderen den Rücken herunter, wenn er an seinen Beagle und seinen Kakadu denkt, die er in diesem Jahr zu einem Tiergottesdienst in den Pfarrgarten der Evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Rudow führte. „Der Pfarrer ging durch die Reihen, segnete jedes Tier einzeln durch Berührung und Kreuzzeichen. Es war sehr bewegend, auch weil Herrchen und Frauchen ganz ruhig, fast andächtig waren – und sich diese Stimmung auf die Tiere übertrug. Kein Kläffen, Keifen, kein Beißen – nichts. Hunde und Katzen vertrugen sich bestens.“
Magisch – so rekapituliert Hans-Jürgen Stamm jenen Samstagnachmittag im Kirchgarten seiner Gemeinde. Stamm, ein erfahrener Organisator und Mitglied im Gemeindekirchenrat, organisiert dieses Event im Ehrenamt und führt es von Jahr zu Jahr zu immer größeren Erfolgen. Die Idee dazu kam ihm, als er während eines Besuchs der New Yorker Kathedrale „St. John the Divine“ einen der Tiergottesdienste besuchte, die dort schon seit vielen Jahren Kult sind und eine regelrechte Attraktion für Tierliebhaber. Das hat sich überall herumgesprochen, auch bei den Evangelischen in Deutschland. Der Archivdienst „Genios“ listet rund 1500 Artikel zum Thema auf, die in den vergangenen Jahren in Regionalzeitungen erschienen sind. Zur ersten Tiersegnung in Rudow kamen etwa 50 Gemeindemitglieder mit ihren Haustieren, manche sogar mit Pferden. In diesem Jahr könnten es annähernd 100 Besucher gewesen sein, die für ihre Tiere und sich um den Segen baten und sich zu Predigt und Gebeten versammelten. Es spricht sich herum und sorgt mit dafür, dass die Kirchengemeinde zusammenhält und Zulauf bekommt. Für 2026 ist schon der 30. Mai reserviert.

