Die Schnellsten sind sie nicht bei Pro Sieben, wenn der Privatsender erst jetzt mit Thilo Mischke eine Bilanz des ersten Jahres der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ziehen will. Dafür gibt es eine besondere Perspektive: "Trump - The Greatest Realityshow" (Pro Sieben, 2. März, 20.15 Uhr) mit dem Republikaner als Hauptdarsteller und selbsternannter Held der Geschichte.
Hybrid: Show, Comedy und Reportage
Thilo Mischke wurde eine Billigversion des Oval Office ins Fernsehstudio gebaut. Dort hockt der Reporter im schlecht sitzenden Anzug und mimt den US-Präsidenten. Welch ein Firlefanz, welch eine armselige Kopie des Originals. Es bleibt ein großes Glück, dass diese Stummfilm-Szenen in den insgesamt 100 Minuten nicht überstrapaziert werden - sonst würde Pro Sieben den Wettbewerb um die Goldene Zitrone des Reportage-Fernsehens locker gewinnen.

Reportage-Fernsehen? Ja, das Format ist ein Hybrid aus Show, Comedy und Reportage. Aber es sind die Real- und nicht die Reality-Sequenzen, die das Einschalten lohnen. Thilo Mischke absolviert ein riesiges Reise-Pensum quer durch die Vereinigten Staaten, auf dass die Zuschauer ein möglichst spektrales Bild des Landes im Griff dieses schier allmächtigen Präsidenten bekommen.
Thilo Mischkes Trump-Doku: Wenig Neues
Washington, New York, Los Angeles, Greenville in South Carolina oder Memphis in Tennessee - immer werden diese Orte als "Spielstätten" im Reality-Playbook eingeführt, wobei die jeweiligen Episoden ihre eigenen Untertitel bekommen: "Small Town America", "Strong Man" und so weiter. In der Perspektive der Realityshow schlüssig, in der Perspektive des Realitäts-Checks überflüssig. Dem Beitrag fehlt eine ordnende Hand, das Hin und Her wird zur Dramaturgie des Zufälligen.
Dabei tut sich "Trump - The Greatest Realityshow" schwer, wirklich etwas Neues über Trump, sein Handeln und seine Handlungen zu erzählen. Aber doch gibt es da Momente und Aspekte, die über die schlichte Nacherzählung hinausgehen. Thilo Mischke sucht - in typischer Presenter-Manier - mit zahlreichen Amerikanerinnen und Amerikanern das Gespräch: mit MAGA-Anhängern, mit ICE-Verfolgten, mit Demokraten und Migranten, mit beunruhigten Beobachtern der Trump-USA.
ICE-Hooligans auf der Jagd
Und hier gewinnen die 100 Minuten dann an Eigenständigkeit und Stärke. Es kann einen nur erschrecken, wenn in L.A. die Bewohner eines Viertels morgens Streife fahren, um alle in der Nachbarschaft zu warnen, wenn die ICE-Hooligans wieder auf Jagd nach vermeintlich illegalen Migranten gehen. Oder wie an einer Grundschule Mütter und Väter Wache schieben, um ihre Kinder vor Verfolgung zu schützen und deren Bildung zu sichern. Der Eindruck verfestigt sich, dass Trump Krieg gegen einen Teil der Bevölkerung führt: Abschiebung als Abschreckung und das bei schätzungsweise 14 Millionen Menschen, die ohne gültigen Aufenthaltsstatus im Land sind.
In Greenville spricht Mischke mit Trump-Anhängern, die den Republikaner dafür preisen, dass er den Stolz auf Amerika wiederherstellt, für die "In God we trust"-Haltung, für das Anti-Elitäre. In New York ist Mischke Zeuge einer hitzigen Diskussion zwischen dem deutsch-amerikanischen Creative Director Thomas Hayo und einem Trump-Unterstützer. Mit einem Native American stapft er durch die Everglades, um sich "Alligator Alcatrez" zu nähern, für dessen Bau die Behörden offensichtlich ohne Berechtigung Land eines indigenen Stammes akquiriert haben.
USA in faschistischer Schieflage
Mit einem früheren "Proud Boy" spricht er über dessen Teilnahme am Sturm auf das Kapitol im Januar 2021. Der muss - obwohl vom Präsidenten begnadigt - heute um seine Existenz kämpfen.
Auch wird in dem Beitrag nicht ausgeblendet, wie sehr das von Trump versprochene "Golden Age" nicht eingetreten ist, siehe die grassierende Armut und die unverändert hohen Lebenshaltungskosten. Und es kommen ernstzunehmende Stimmen aus dem Analyse-Milieu zu Wort, die die USA bereits in faschistischer Schieflage und die US-Demokratie mehr als gefährdet sehen.
Thilo Mischke und sein Team schauen in viele Richtungen. An Aufwand und Anstrengung mangelt es ganz und gar nicht. Nur die Grundannahme der "Greatest Reality-Show" ist fragwürdig. Nein, dieser Präsident bietet nicht die Inszenierung von Reality, sondern eine Inszenierung von Realität.
Die Doku "Trump - The Greatest Realityshow" läuft am Montag, 2. März, um 20.15 Uhr auf Pro Sieben.
