Maria ist keine Miterlöserin - sagt der Vatikan. Theologin Johanna Rahner erklärt, warum das wichtig ist. Und welche Perspektive ihr im Lehrschreiben fehlt.
Maria als revolutionäres Vorbild in Machtkritik - einen Hinweis darauf hätte Johanna Rahner sich gewünscht. Die Tübinger Dogmatikerin erklärte am Donnerstag im Gespräch mit dem kirchlichen Internetportal katholisch.de, was das aktuelle vatikanische Lehrschreiben über Maria aussagt - und was es aus ihrer Sicht noch hätte aussagen können.
"Wenn Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Erniedrigten erhöht, dann ist das fast schon ein politisches Programm, ja ein befreiungstheologischer Weckruf, eine Mariologie, die die Fähigkeit hat, die Welt zu verändern", sagte Rahner mit Blick auf das Magnifikat. Das könne die Lebenserfahrung von Menschen inspirieren.
"Es gibt keinen revolutionäreren Text über Maria als diesen biblischen Lobpreis, ergänzt sie. Dieses Marienbild werde im aktuellen vatikanischen Schreiben leider nicht erwähnt: "Aber gerade dieser Text hätte uns heute so viel zu sagen." Er könne auch die hierarchische Ämterstruktur der Kirche hinterfragen. "Maria zeigt uns ja quasi 'leibhaftig', dass für Gott nichts unmöglich ist. Da steckt auch ungeheuer viel Hoffnung darin, nicht nur für Veränderungen in der Kirche, sondern natürlich weit darüber hinaus."
Das neue Lehrschreiben aus dem Vatikan habe festgestellt, dass Maria keine Miterlöserin am Heilsplan Gottes ist. Diese Feststellung könne manche Menschen enttäuschen. Doch die Frage sei, warum? "Statt einer Trinität eine Quadrität zu fordern, also die Mutter des Herrn auf einmal neben Gottvater, Sohn und Geist zu setzen, hat doch sicher keiner beabsichtigt. Das wäre nicht mehr katholisch, das wird nie katholisch sein."
Rahner bezeichnet es als "sehr hilfreich", dass der Text dokumentiere, Jesus Christus sei der einzige Erlöser und Maria keine Miterlöserin. "Maria ist Fürsprecherin bei Christus", betont die Dogmatikerin. Das Dokument begründe diese Aussagen dogmatisch gut nachvollziehbar. Durch das Schreiben werde eindeutig eine Grenze gezogen: "Das einmalige Erlösungswerk, die einzige Erlösungswirkung Jesu Christi sollte durch mariologische Frömmigkeit nicht in Frage gestellt werden."
Wenn Maria als Miterlöserin verstanden werde, erwecke das den Eindruck, dass das Erlösungswerk Christi ohne Maria unvollständig oder ergänzungswürdig wäre. Doch diese Vorstellung sei nicht katholisch. In der praktizierten Frömmigkeit wird laut Rahners Prognose allerdings "eine gewisse unsaubere Begrifflichkeit bestimmt dennoch weiterbestehen". Es sei weiterhin möglich, sich im privaten Gebet so an Maria zu wenden. Doch in offiziellen Äußerungen sollte nicht mehr von Maria als Miterlöserin gesprochen werden, erklärt die Theologin.