In Erinnerung geblieben von den Erfurter Domstufen-Festspielen ist in dieser Saison vor allem der Streit um die Riesenpenisse. Kurz nach der Premiere erreichte das Erfurter Theater die Aufforderung des katholischen Bistums Erfurt, Regisseur Ben Saur möge die Phallus-Symbole aus seiner Inszenierung von „Fausts Verdammnis“ entfernen. Das Stück nutze schließlich die große Freitreppe des Domhügels als Bühne. Die Riesenpenisse in der Szene in Auerbachs Keller besäßen weder einen künstlerischen Mehrwert noch seien sie vor der Kulisse von Mariendom und St. Severi passend, argumentierte Weihbischof Reinhard Hauke.
Doch selbst diese Anmutung eines Skandals vermochte das Interesse des Publikums an dem Opernstück des französischen Komponisten Hector Berlioz (1803-1869) nicht zu entfachen. Die Kritik zeigte sich begeistert, doch das Publikum blieb fern. Anstelle der erhofften mehr als 40.000 Karten soll das Schauspielhaus nur etwa 26.000 Tickets verkauft haben. Das Stück gilt als schwer und sperrig.
Den Lücken auf den Zuschauerrängen folgte naturgemäß das Loch im Etat. Etwa 1,1 Millionen Euro Verlust soll das Theater allein mit dieser Produktion gemacht haben, berichteten mehrere Mitglieder des städtischen Theaterausschusses übereinstimmend dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Das Theater Erfurt unter der Leitung von Intendant Guy Montavon wollte sich auf Anfrage zu Fragen nach den finanziellen Verhältnissen nicht äußern – und das offenbar nicht nur gegenüber den Medien. Denn auch der Theaterausschuss der Stadt, dem von Rechts wegen die Aufsicht über den städtischen Eigenbetrieb zukommt, hat offenbar seit längerer Zeit nur noch einen eingeschränkten Überblick über die Kontostände im Theater. Wie erst vor wenigen Tagen bekannt geworden sei, summierten sich die aktuellen Verluste in der Bilanz auf aktuell über drei Millionen Euro. Davon seien etwas mehr als eine Million Euro als negativer Jahresvortrag aus 2022 übernommen worden, hieß es übereinstimmend. Die noch zu Corona-Zeiten aufgebauten Rücklagen, als das Haus Gelder bekommen habe, ohne zu spielen, seien bis auf einen fünfstelligen Betrag komplett aufgebaut.
Die finanzielle Misere ist den Angaben aus dem Aufsichtsgremium zufolge vor allem dadurch so lange unentdeckt geblieben, weil die Intendanz seit Mitte des Jahres keine Quartalsberichte mehr vorgelegt habe. Auch die Jahresrechnung 2022 sei lange überfällig. Antworten auf die Frage nach Möglichkeiten zur finanziellen Konsolidierung des Opernbetriebs blieben gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) und wohl auch gegenüber dem Theaterausschuss unbeantwortet. Es gebe sie wohl auch nicht, hieß es von dort.
Am Donnerstagabend zog der Finanzausschuss der Stadt Erfurt die Notbremse. Einmalig erhöhte die Kommunalpolitik den diesjährigen Zuschuss aus der neuen Theaterpauschale des Landes um rund 770.000 Euro. Zudem wurde bekannt, dass der Beigeordnete für Kultur, Stadtentwicklung und Welterbe, Tobias Knoblich, gegenüber dem Theater für das Jahr 2024 bereits eine Ausgabensperre über eine Million Euro verhängt habe. So solle vermieden werden, dass die so gebildete finanzielle Rücklage nicht erneut auf ein nicht vertretbares Niveau falle.
Damit stehen alle nicht bereits vertraglich gebundenen oder pflichtigen Ausgaben auf dem Prüfstand. Gespart werden könnte am Umfang der Requisiten in künftigen Produktionen. Doch auch der Wegfall ganzer, bislang nur geplanter Inszenierungen in Erfurt ist denkbar.
Der Druck auf Guy Montavon in seiner letzten Amtszeit als Intendant wächst. Denn nicht nur die Finanzen rund um das Schauspielhaus werden derzeit erregt diskutiert. Die Leitung des Hauses sieht sich seit Wochen mit Vorwürfen konfrontiert, es sei zu sexuell motivierten Pflichtverletzungen gegenüber Frauen und Machtmissbrauch am Theater Erfurt gekommen. Die Vorgänge werden derzeit von einem externen Prüfer untersucht.