Jeden Dienstag wird hier gestreamt. Kunstschaffende und Mitarbeitende der „barner16“, einem inklusiven Hamburger Künstlernetzwerk, zocken gemeinsam ihre Lieblingsspiele und probieren neue aus. Vom Landwirtschaftssimulator bis hin zu Mario Kart spielt dabei Barrierefreiheit eine große Rolle. Als inklusives Projekt wird besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung geachtet.
In der Videospielbranche spiele Barrierefreiheit eine immer größere Rolle, sagt Anna Jäger vom Netzwerk Gamecity Hamburg. „Es gibt tatsächlich große Firmen, die eigene Abteilungen für Barrierefreiheit und Inklusion haben.“ Die Entwicklung barrierearmer Spielelemente sei technisch nicht kompliziert. „Aber das muss von Anfang an mitgedacht werden. Kleinere Studios können da sicher vor größeren Herausforderungen stehen“, sagt sie.
Barrierefreiheit stärkt Inklusion und Teilhabe beim Zocken
Außerdem sei das Thema Inklusion in der Gamingbranche ein weites Feld. Barrierearme Elemente können von einem „Farbenblindmodus“ über das Einstellen verschiedener Schwierigkeitslevel bis hin zur Bedienung der Controller für Menschen mit eingeschränkter Motorik reichen. „Tatsächlich ist es noch ein weiter Weg, bis Spiele für alle gestaltet sind“, sagt Jäger.
Im Moment würden viele Gamerinnen und Gamer selbst herumprobieren, wenn es um barrierefreies Zocken geht. So auch in der barner16: „Videospiele werden ja gerade immer populärer. Und bei uns spielt Inklusion und Teilhabe natürlich eine Rolle“, erklärt „barner16“-Mitarbeiter Frederik Hinze, der den Stream vergangenen Oktober ins Leben gerufen hatte. Die Frage sei: Was gibt es schon, was braucht es noch?
Spiel integriert Barrierefreiheit mit Sitzchoreografien
Besonders beliebt bei den „barner16“-Gamerinnen und Gamern sei zum Beispiel „Stray“, bei dem Spielende eine Katze steuern - und zwar mit einer Steuerung, die barrierearm angepasst werden kann. Auch das Tanzspiel „Just Dance“ bietet inklusive Elemente in den neueren Versionen. Ziel des Spiels ist es, Choreografien zu verschiedenen Songs möglichst akkurat nachzutanzen. Dazu bewegen die Spielenden Arme, Beine und Kopf. Bei „seated choregraphies“ kann auch im Sitzen ohne Beinbewegungen getanzt werden.
Wie inklusiv das Spiel ist, hat die „barner16“ direkt ausprobiert: In einem eigentlich für Bandproben genutzten Raum testen Mispa, Vanessa und Christopher das Spiel. Zusammen tanzen sie zum Lied „Espresso“ der US-amerikanischen Sängerin Sabrina Carpenter. „Ich kann einfach alles herauslassen, wenn ich tanze und Musik höre“, sagt Vanessa, die bei der barner im Catering arbeitet. „Just Dance“ gehört deshalb zu ihren Lieblingsspielen.
Kreative Choreografien fördern Barrierefreiheit auf der Bühne
Auch Christopher, der beim Künstlernetzwerk als Hausmeister tätig ist, ist großer Gaming-Fan und hat viel Spaß beim Tanzen. „Ich habe ja im Stehen getanzt, aber die Option im Sitzen würde ich für Rollstuhlfahrende auf jeden Fall empfehlen“, findet er.
Valerie Rosa bietet Tanz- und Bewegungschoreografie in der barner an. Sie hatte Christopher, Vanessa und Mispa beim Ausprobieren zugeschaut und noch einmal ganz genau auf die Gestaltung und Choreografien geachtet: „Ich fand das Setting ganz cool. Die Figuren saßen in so einem Friseursalon, dadurch wurde klar, warum der Tanz jetzt im Sitzen ist.“
Barrierefreiheit: Expertinnen sehen Fortschritte aber fordern mehr
Kritisch sieht Rosa dagegen, dass bei „Espresso“ drei Figuren gleichzeitig tanzen, die sich teilweise in den Bewegungen unterscheiden. Obwohl dies der leichteste Schwierigkeitsgrad war, könne das überfordern. Für Mispa passte es. Sie sitzt im Rollstuhl und konnte dem Tanz im Sitzen gut folgen. Da sie aber nicht lesen kann, ist sie beim Spielen oft auf Hilfe angewiesen. Mispa wünscht sich, „dass auch daran gedacht wird, dass vielleicht nicht alle lesen können und es auch eine Funktion gibt, bei der man alles vorgelesen bekommt, was man machen muss.“
Bis alle Videospiele von allen gleich gut gespielt werden können, werde es noch dauern, schätzt Gamingexpertin Anna Jäger. „Wenn ein wenig mehr in der Gamesbranche passiert, würde das gut tun. Für alle“, sagt sie.
