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Tag der Handschrift: Warum Stift und Zettel in digitalen Zeiten wichtig bleiben

Trotz Tablet und Tastatur greifen viele weiter zum Stift. Zum Tag der Handschrift zeigen Studien, warum Schreiben mit der Hand Körper und Geist gleichermaßen trainiert.

 Forschende und Lehrkräfte fordern am Tag der Handschrift mehr Förderung der Schreibmotorik
Forschende und Lehrkräfte fordern am Tag der Handschrift mehr Förderung der Schreibmotorikepd-bild / Stefan Arend

Die Handschrift prägt die menschliche Geschichte seit rund 5.000 Jahren. „Durch sie haben Menschen seit dem alten Mesopotamien in fast allen Kulturen Wissen gespeichert“, sagt Konrad Hirschler, Direktor des Centre for the Study of Manuscript Cultures an der Universität Hamburg. Ohne Schrift wäre es unmöglich, komplexe Rechtssysteme aufzubauen und über Generationen hinweg weiterzuentwickeln. Doch wie steht es um das Kulturerbe in digitalen Zeiten? Selbst Einkaufslisten speichert heute eine App, E-Mails ersetzen Briefe, in Schulen wird Handschriftliches durch Tablets ersetzt.

Tag der Handschrift erinnert an die Bedeutung des Schreibens

Viele junge Menschen tun sich schwer mit Stift und Papier. „In einer Welt, in der Tippen und Sprachnachrichten den Alltag dominieren, fragen sich viele Kinder zu Recht, warum sie überhaupt noch mühsam mit der Hand schreiben sollen“, sagt Tal Hoffmann, Leiterin des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg (Landkreis Erlangen-Höchstadt). Und so berichten Lehrkräfte aus Primar- und Sekundarstufen von einer „besorgniserregenden Situation beim Handschreiben in Deutschland“.

Durch den pandemiebedingten Distanzunterricht sind Kinder und Jugendliche mit Schreibschwierigkeiten weiter abgehängt worden, so die „STEP“-Studie aus dem Jahr 2022. Mehr als sieben von zehn Lehrkräften stellten nach Corona deutlich größere Probleme bei Schreib-Struktur, Leserlichkeit sowie dem Schreibtempo fest. In weiterführenden Schulen kann nicht einmal die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler länger als eine halbe Stunde ohne Ermüdung schreiben, ergab die Befragung unter rund 850 Lehrkräften.

Nur 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen haben eine zufriedenstellende Handschrift
Nur 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen haben eine zufriedenstellende Handschriftepd-bild/Anke Bingel

Dass die Corona-Defizite mittlerweile aufgeholt wurden, glaubt Hoffmann nicht. Im Gegenteil: „Meiner Einschätzung nach hat sich die Lage eher verschlechtert.“ Wesentliche Gründe seien der Digitalisierungsdruck, das Fehlen der nötigen Übung im Alltag und zunehmender Bewegungsmangel. Hoffmann: „Die gestiegene Bildschirmzeit führt oft zu Defiziten in der Grob- und Feinmotorik.“ Erschwerend komme der akute Lehrkräftemangel hinzu, sodass immer weniger Zeit für die individuelle Hilfe beim Schreibenlernen bleibe.

Handschrift trainiert Muskeln, Gelenke und Hirnregionen

Dabei biete Handschreiben einen enormen Mehrwert für die Bildung. Studien zeigen: Wer zum Stift greift, macht weniger Rechtschreibfehler, liest flüssiger und kann sich Inhalte besser merken. Allein beim Halten und Führen eines Stiftes würden über 30 Muskeln, 17 Gelenke und zwölf Hirnregionen aktiviert. Es sei regelrechter „Gehirnsport“, sagt Hoffmann. Bei einer Tastatur funktioniert das so nicht, hat eine norwegische Studie nachgewiesen.

Schreibmotorik sei essenziell für den gesamten Bildungserfolg, so das Institut. Die Förderung dürfe sich nicht auf die Grundschule beschränken, sondern müsse sich „wie ein roter Faden durch den gesamten Bildungsweg“ ziehen. In Zukunft sei die Kombination von analog und digital entscheidend. Wünschenswert seien digitale Werkzeuge, die ergonomische Schreibbewegungen aktiv unterstützen, anstatt sie durch Tippen oder Wischen zu unterdrücken. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) aus Berlin wirbt für ein sinnvolles Nebeneinander: Es sei grundsätzlich eine sehr gute Entwicklung, dass an Schulen mit verschiedensten Materialien und Methoden gearbeitet werde.

Tag der Handschrift zeigt Grenzen rein digitalen Lernens

„Ich finde es richtig, wenn eine Lehrkraft entscheidet, dass für eine bestimmte Aufgabe das digitale Endgerät die beste Lernmethode bietet oder unterstützt“, sagt VBE-Vorsitzender Tomi Neckov. Keine Methode nehme sich etwas weg. Wenn vorher getippt werde, könne das sogar „Lust“ auf das Handschreiben schaffen. Dass Schweden vom rein digitalen Unterricht wieder abrückt und teilweise zu Büchern und Stift zurückkehrt, zeige vor allem, „dass wir bei manchen Dingen losgestürmt sind, wo es nicht sinnvoll war“, findet Neckov. Entscheidend sei der Mehrwert.

Dass Handschriftliches in Zukunft komplett verdrängt wird, glaubt der Hamburger Wissenschaftler Hirschler nicht: „Im Lauf der Geschichte haben technologische Transformationen wie die Ausbreitung des typografischen Drucks immer wieder dazu geführt, dass sich Funktion und Technik der Handschrift verändert haben.“ Heute habe die Digitalisierung großen Einfluss darauf, wann und zu welchem Zweck mit der Hand geschrieben werde. Hirschler: „Trotzdem wird die Handschrift als solche deswegen wohl nicht ‘aussterben’.“

Warum handgeschriebene Briefe wieder geschätzt werden

Viele Menschen greifen immer noch ganz bewusst zum Stift. Schon seit Jahren liegen individuell gestaltete Notizbücher, Handlettering und Kalligrafie im Trend. Unter #handlettering finden sich allein bei Instagram über 13,6 Millionen Beiträge. Nicht zuletzt gilt die Handschrift als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Gerade in digitalen Zeiten ist ein handgeschriebener Brief etwas Besonderes. „Er signalisiert: Ich habe mir Zeit für dich genommen“, sagt Institutsleiterin Hoffmann. Anders als die schnell getippte WhatsApp-Nachricht.