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Suizid: “Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und Wellen schlägt”

Für Angehörige von Menschen, die sich selbst getötet haben, ist es oft schwierig, Gesprächspartner zu finden, mit denen sie über ihre Situation reden können. In der Bremischen Evangelischen Kirche gibt es deshalb am Sonnabend (29. November) einen Gottesdienst, der an die Opfer von Suiziden erinnert. Er wendet sich insbesondere an Angehörige, aber auch an mittelbar Betroffene, sagte Pastorin Ulrike Oetken dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Frau Pastorin Oetken, Sie organisieren schon seit längerer Zeit Gottesdienste, in dem das Gedenken an die Opfer von Suiziden im Mittelpunkt steht, den nächsten an diesem Sonnabend. An wen richtet sich der Gottesdienst?

Ulrike Oetken: Es geht natürlich um die verstorbenen Menschen, aber auch um die Angehörigen, die jemanden durch einen Suizid verloren haben. Unmittelbar Betroffene wie Partnerinnen und Partner, Kinder oder andere Familienangehörige, Menschen in der nächsten Umgebung. Eingeladen sind außerdem mittelbar Betroffene wie Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn, Mitschüler oder Berufsgruppen, die mit einem Suizid zu tun hatten. Das können Polizei- und Rettungskräfte sein, genauso wie Feuerwehrleute oder Engagierte aus der Notfallseelsorge.

Von einem Suizid sind ja immer viel mehr Menschen als die direkten Angehörigen berührt. Bei jährlich rund 10.000 Todesfällen beläuft sich die Zahl der unmittelbar Betroffenen Schätzungen zufolge auf etwa 60.000 bis 80.000, die der mittelbar Betroffenen auf etwa 200.000. Ein Suizid setzt sich fort wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dann Wellen schlägt.

epd: Worum geht es bei dem Gottesdienst?

Oetken: Der Impuls kam von der Bremer Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid, kurz Agus, die einen Ort für ein solches Treffen gesucht hat. Da geht es in erster Linie um Gemeinschaft. Das Thema Suizid ist tabuisiert, für Betroffene ist es oft schwierig, in ihrem Umfeld Menschen zu finden, mit denen sie darüber sprechen können. Aber genau das ist wichtig: über das Leiden, über die Betroffenheit mit anderen sprechen. Das ist in der Selbsthilfegruppe möglich. Und hier auch.

epd: Welche Erfahrungen haben Sie als Seelsorgerin gemacht, in welcher Situation sind die Angehörigen?

Oetken: In den Gottesdienst kommen beispielsweise Menschen, bei denen der Suizid in der Familie schon lange zurückliegt, aber zu einem lebensbestimmenden Thema geworden ist. Bei anderen ist es noch gar nicht lange her, die sind noch total aufgewühlt, erschrocken, suchen händeringend nach einem Anker. Da gibt es eine ganz große Bandbreite an Emotionen: Verzweiflung, Scham, Schuldgefühle, auch Wut. Und ein ganz tiefer Schmerz, ein ganz brutaler, tiefer Schmerz.

epd: Wie kann ich mir diesen Gottesdienst vorstellen?

Oetken: Zunächst einmal ist es ganz egal, welcher Konfession die Gäste sind. Oder ob sie auch gar nicht religiös sind. Es wird Gebete geben, eine Ansprache. Am Anfang besteht die Möglichkeit, die Namen der Verstorbenen auf eine Karte zu schreiben und für jeden eine Kerze anzuzünden. Und jeder Gast hat die Möglichkeit, sich persönlich segnen zu lassen.

epd: Spielen diese Namen im Laufe des Gottesdienstes noch einmal eine Rolle?

Oetken: Ja, alle Namen werden später vorgelesen. Das Leid dieser Menschen, das so groß war, dass sie nicht mehr leben wollten, ihre Lebensgeschichten stehen im Mittelpunkt, sie werden gewürdigt. Wir wissen nicht, was in den Menschen vorgegangen ist, die sich selbst getötet haben. Wir können nur respektieren, was passiert ist, sehen, dass es ein ganz großes Leiden ist, das einen Menschen dazu führen muss, einen solchen Schritt zu gehen. Und ein großes Leiden, das danach bei den Angehörigen beginnt. Kein Mensch soll vergessen sein.

epd. Es geht also darum, Trauer auszudrücken und mit anderen zu teilen?

Oetken: Ja, und es führt auch weiter. Die Leiterin der Bremer Selbsthilfegruppe hat mir gerade geschrieben, sie freue sich sehr auf diese tröstlichen zwei Stunden des Innehaltens und darauf, zur Ruhe zu kommen. Ich habe das Gefühl, der Gottesdienst ist für manche Gäste so etwas wie eine Tankstelle. Für sie geht es um Trost, Gemeinschaft, Erinnerung, auch Hoffnung. Viele, die da waren, haben in den zurückliegenden Jahren gesagt: Ich bin hier gut angekommen mit meiner Geschichte. Ich komme nächstes Jahr wieder.