Mehr Übergriffe im Erzbistum Paderborn als bekannt

Jahrzehntelang wurde Missbrauch im Erzbistum Paderborn nicht konsequent aufgearbeitet. Eine unabhängige Studie legt nun erschütternde Zahlen und Versäumnisse offen.
Mehr Übergriffe im Erzbistum Paderborn als bekannt
Mahnmal in der Brigidenkapelle im Paderborner Dom zur Erinnerung an Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kirche
epd-bild/Andreas Fischer

Das Ausmaß von sexuellen Übergriffen im Erzbistum Paderborn in der Zeit von 1941 bis 2002 ist nach einer unabhängigen Studie wesentlich höher als bislang bekannt. So gibt es in diesem Zeitraum Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene, wie die Kirchenhistorikerin Nicole Priesching bei der Vorstellung der Untersuchung in Paderborn erklärte.

Damit sei die Zahl der Fälle und Beschuldigten im Vergleich zu dem bisherigen Stand der im Jahr 2018 erschienenen MHG-Studie doppelt so hoch, sagte die Kirchenhistorikerin an der Universität Paderborn. Der Anteil der Beschuldigten zur Gesamtzahl der Priester liege für den gesamten Untersuchungszeitraum bei 4,35 Prozent. Es müsse jedoch von einem Dunkelfeld ausgegangen werden, „über dessen Ausmaß man nur spekulieren kann“. Die Aufarbeitung stehe erst am Anfang.

Erzbistum Paderborn und die Rolle früherer Erzbischöfe

Beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder und sogar die Erzbischöfe selbst hätten bisweilen Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen genommen, damit diese auf Anzeigen verzichteten, erklärte die Wissenschaftlerin. Eine Vertuschungsspirale habe dafür gesorgt, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben. Die unabhängige Studie, die von Wissenschaftlern der Universität erarbeitet wurde, beleuchtet die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1892-1975) und Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002).

Mehrere Bischöfe im Gewand
Dr. Johannes Joachim Kardinal Degenhardt (re., Erzbischof von Paderborn, Archiv)
Imago/teutopress

Der Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, Reinhold Harnisch, begrüßte im Namen von Betroffenen die Studie, auch wenn es länger gedauert habe. Viele Betroffene seien froh, dass sie dadurch gehört worden seien. „Das gibt uns ein Stück Würde zurück, die man uns genommen hat“, erklärte er.

Erzbistum Paderborn kündigt öffentliche Stellungnahme an

Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz äußerte sich ebenfalls zu der Untersuchung. Die Studie zeige deutlich, „wie viel Leid Menschen im Raum der Kirche erfahren haben - und wie lange dieses Leid tabuisiert und nicht ernst genug genommen worden ist“, hieß es in einer Erklärung. Bentz hatte die Studie entgegengenommen. Das Erzbistum wollte sich am Folgetag öffentlich dazu äußern.

Zweites Forschungsprojekt prüft Amtszeit im Erzbistum Paderborn

Die Wissenschaftlerinnen der Universität Paderborn waren seit 2020 mit der historischen Studie befasst. Für die unabhängige Untersuchung wurden den Angaben nach personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, das Erzbischöfliche Geheimarchiv, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten, Protokolle sowie Briefwechsel untersucht. Zudem wurden rund 80 Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt. Ein zweites Forschungsprojekt untersucht aktuell die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2002 bis 2022).

Vergangenes Jahr haben Betroffene von sexualisierter Gewalt von der katholischen Kirche in Deutschland mehr als 16,5 Millionen Euro als Anerkennung ihres Leids zuerkannt bekommen. Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) habe damit seit ihrem Bestehen über Anerkennungsleistungen in Höhe von mehr als 93,2 Millionen Euro entschieden, teilte die UKA ebenfalls am Donnerstag bei der Veröffentlichung ihres Jahresberichts für 2025 mit.

 

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