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Studie: Tötungen von Frauen meist aus Eifersucht und Besitzdenken

Experten haben 50.000 Seiten Vernehmungsprotokolle, Gutachten und Anklageschriften untersucht. Sie wollten herausfinden, was die häufigsten Motive für Femizide sind. Ihr Fazit: verletztes Besitzdenken und Eifersucht.

Die meisten Femizide – also geschlechtsbezogene Tötungen von Frauen – werden laut Kriminologen von eifersüchtigen und besitzergreifenden Partnern oder Ex-Partnern verübt. “Der Anlass für diese Taten war überwiegend, dass die Frau sich trennen wollte, schon getrennt hatte oder vermeintlich untreu war oder der Täter dies befürchtete”, sagte Sabine Maier vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

In zwei Dritteln der Fälle könne man bereits vor der Tötung von einem “systematischen Gewalt- und Kontrollverhalten der Täter” sprechen. Zu Tötungen komme es schließlich, wenn Männern klar werde, “dass sie ihre Macht- und Kontrollansprüche nicht mehr weiter durchsetzen können: Sie fühlen sich in ihrer Männlichkeit gekränkt und wollen gezielt Rache nehmen.” Verletztem Besitzdenken folge “krasse Gewalt”.

In der Studie heißt es, die Zahl der in der Polizeilichen Kriminalstatistik registrierten Tötungen an Frauen habe sich in den vergangenen zehn Jahren – entgegen der Aussage in vielen Medien – in Deutschland nicht erhöht. Maier sagte auf die Frage, ob man von einem Femizid pro Tag in Deutschland sprechen könne: “An jedem dritten Tag ist ein bisschen zutreffender.”

Die Sozialwissenschaftlerin ist Mitautorin der Studie “Femizide in Deutschland”, die gemeinsam mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erstellt wurde. Die Wissenschaftler untersuchten für die Studie rund 50.000 Seiten Vernehmungsprotokolle, Sachverständigengutachten, Anklageschriften und Urteile zu 292 Fällen, die im Jahr 2017 als versuchte oder vollendete Tötungen von Frauen in fünf Bundesländern in die Polizeiliche Kriminalstatistik eingegangen sind: in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Nordrhein-Westfalen.

“197 der 292 analysierten Fälle erwiesen sich tatsächlich als versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen”, so die Studie. Der Rest waren “Fehlerfassungen, Körperverletzungen oder falsche Verdächtigungen”. Bei 133 der 197 Tötungsdelikte an Frauen handelte es sich aus Sicht der Kriminologen letztlich um Femizide. Bei 64 Tötungen habe das Geschlecht der Frau “keine prägende Rolle für die Tat” gespielt.

Die Opfer bei Partner-Femiziden im Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht waren im Durchschnitt 40 Jahre alt, die Täter 45 Jahre. “Die Taten fanden in allen Gesellschaftsschichten statt”, hieß es. Unter den Tätern waren beispielsweise ein Unternehmensberater und ein Erzieher. “Bei der Mehrzahl der Paare ging jedoch ein geringes Bildungsniveau mit einer ökonomisch eher angespannten Situation einher”, hieß es. Es zeige sich eine “Überrepräsentation migrantischer Personen”. Sie hätten oft kein soziales Auffangnetz, wenn es in der Beziehung krisele.