Stichwahl in Chile – Im Dezember fällt eine Richtungsentscheidung

Kommunistin Jara gegen Rechtskonservativen Kast

Im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen konnte sich kein Kandidat durchsetzen. Nun entscheiden die Chilenen im Dezember über die Nachfolge des linken Amtsinhabers Boric. Der Ausgang ist offener als es scheint.

Chile steht vor einer echten politischen Richtungsentscheidung. Nachdem am Sonntag im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen in der Andennation keiner der Kandidaten die erforderliche Mehrheit von über 50 Prozent erreicht hat, fällt die Entscheidung am 14. Dezember in einer Stichwahl. Dann konkurrieren die Kommunistin Jeannette Jara, die mit 26,8 Prozent deutlich unter der anvisierten Grenze von 30 Prozent blieb, und der Rechtskonservative Jose Antonio Kast, der auf 23,9 Prozent der Stimmen kam, um den Einzug in den Präsidentenpalast La Moneda. Der linksgerichtete Amtsinhaber Gabriel Boric kann wegen einer Amtszeitbegrenzung nicht erneut antreten.

Die beiden anderen Kandidaten aus dem rechten Spektrum blieben hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurück: Der libertäre Hardliner Johannes Kaiser (13,9 Prozent) und die moderate Christdemokratin Evelyn Matthei (12,5 Prozent) stellten sich noch am Abend demonstrativ hinter Kast. Werden all ihre Stimmen zusammengezählt, kämen rund 50,3 Prozent heraus. Der von den Umfrageinstituten vorausgesagte Durchmarsch der Rechten ist trotz des schwachen Ergebnisses für Jara keineswegs sicher.

Das liegt auch an einer Überraschung auf Platz drei: Der als sozial-liberal eingestufte Franco Parisi (19,7 Prozent) kritisierte die Umfrageinstitute, warf ihnen sogar "Terrorismus" vor. Eine Wahlempfehlung gab er nicht ab - die Kandidaten müssten sich die Stimmen schon selbst verdienen.

Jose Antonio Kast, Sohn eines nach Chile ausgewanderten deutschen Wehrmachtsoffiziers, hatte sich im Wahlkampf zuletzt zurückhaltender gezeigt als in den beiden gescheiterten Urnengängen 2017 und 2021 - und wurde von Johannes Kaiser rechts außen überholt. In seiner Rede am Abend vor Anhängern sagte Kast, es gelte, die "vielleicht schlechteste Regierung in der Geschichte Chiles" abzulösen. Jara war unter dem noch amtierenden Präsidenten Boric Arbeits- und Sozialministerin, ehe sie im April wegen ihrer Präsidentschaftskandidatur von ihrem Amt zurücktrat.

Die Kandidatin des linken Regierungsbündnisses "Unidad por Chile" (Einheit für Chile) kündigte an, um jene rund 50 Prozent des Wahlvolkes zu kämpfen, die im ersten Durchgang weder für sie noch für Kast gestimmt hätten: "Ab morgen werden wir auf Sie zugehen, mit Ihnen sprechen und Ihnen aufmerksam zuhören."

Kast versuchte derweil, Jara als Fortsetzung der aktuellen Regierungspolitik darzustellen: "Jeannette Jara ist Gabriel Boric mit einer anderen Stimme", sagte Kast und fügte hinzu: "Chile ist in dieser Nacht aufgewacht."

Kritiker werfen ihm indes eine zu große politische Nähe zur rechtsextremen Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1973-1990) vor, in dessen Regierung sein älterer Bruder Michael Minister war. Kast sagte einmal, Pinochet würde heute für ihn stimmen. Während der Amtszeit Pinochets wurden rund 2.000 Menschen aus politischen Gründen ermordet, Zehntausende wurden gefoltert.

Auch Gegenspielerin Jara werden derweil Defizite im Demokratieverständnis nachgesagt. Das kubanische Ein-Parteien-Regime sei eine "andere Form von Demokratie", sagte die Kommunistin in der Vergangenheit - trotz Berichten über schwerste Menschenrechtsverletzungen von UN- und Menschenrechtsorganisationen.

Wirklich beherrschend sind vor der anstehenden Stichwahl allerdings andere Themen: die innere Sicherheit und die Wirtschaftspolitik. Während Kast ein Verfechter von freien Märkten ist, ist Jara eine Anhängerin einer staatlich regulierten Volkswirtschaft. Die Umfragen sagen einen Sieg von Kast voraus - doch Jara bleiben noch vier Wochen, um den Rückstand auf den leicht favorisierten neunfachen Familienvater aufzuholen.

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