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Stadtmission warnt: Kinder können sich immer schlechter ausdrücken

Kinder, die auf einem Bilderbuch wischen wie auf einem Smartphone und nicht wissen, wie sie eine Seite umblättern sollen. Kinder, die andere schubsen, weil sie nicht ausdrücken können, dass sie eigentlich nur mitspielen wollen. Solche Situationen erleben die Mitarbeitenden in den Kitas und Schulen der Stadtmission Nürnberg immer häufiger. All das ist eine Folge wachsender Sprachdefizite bei Kindern, sagte Johannes Mathes, Bereichsleiter der Kinder- und Jugendhilfe der Stadtmission, am Dienstag. Die Hälfte der Viereinhalb- und Fünfjährigen in Bayern habe den heuer eingeführten Deutschtest in Kitas nicht bestanden.

Die sinkende Sprachfähigkeit betreffe nicht nur Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte, sondern sei durchweg bei allen Kindern feststellbar. Im Kern gehe es nicht um die deutsche Sprache. „Wir übersetzen keine Sprachen, sondern soziale Situationen“, sagte Marion Gebhardt, Leiterin der Therapeutischen Kindertagesstätte der Stadtmission. Bei Drei- bis Sechsjährigen nehme sie immer häufiger wahr, dass die Kinder Situationen im Miteinander nicht einschätzen und sich nicht ausdrücken können. Das betreffe bei weitem nicht alle Kinder, aber die Schere zwischen denen, die dem Alter gerechte Sprachkompetenzen haben, und denen, die sich nur schwer mitteilen können, wachse. „Kinder mit großem Hilfebedarf fallen schon sehr früh hinten runter und müssen dann in Spezialeinrichtungen“, sagte Gebhardt. Das schaffe bei den Kindern ein Gefühl von Andersartigkeit und Versagen.

Als Ursache vermutet die Kita-Leiterin, dass die Kommunikation in Familien weniger wird. So werde seltener am Abend gemeinsame Zeit verbracht und sich über den Tag ausgetauscht. Auch Vorlesen oder gemeinsames Bilderbuchanschauen werde immer seltener. „Außerdem haben die Kinder oft nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern, wenn diese nebenher am Smartphone sind“, sagte Gebhardt. Das begünstige lautes, forderndes Verhalten, um diese Aufmerksamkeit zu bekommen. Dass kleine Kinder oft schon mit dem Handy abgelenkt werden, habe ebenfalls deutliche Auswirkungen.

Am Förderzentrum Martin-Luther-Schule werden Kinder ab der ersten Klasse unterrichtet, die oft als „Störfaktoren“ aus Kitas geworfen wurden – weil sie in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung zurückliegen, aber auch weil sie nicht kommunizieren können. Es sei eine große Aufgabe, den Kindern nicht nur diese Kompetenzen nach und nach beizubringen, sondern auch das Gefühl zu bearbeiten, „ich bin nicht gewollt, ich passe nicht dazu“, so Schulleiterin Tanja Herrmann. „Natürlich arbeiten wir mit Kindern mit besonderen Herausforderungen. Aber die Arbeit hier ist immer auch ein Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen“, sagte Johannes Mathes.

Er forderte anlässlich des Internationalen Tags der Kinderrechte am 20. November mehr Geld und Personal für Kitas und Schulen, damit die Fachkräfte nicht nur Kinder, sondern auch deren Eltern unterstützen und beraten können. Tanja Herrmann empfiehlt bewusst gemeinsam verbrachte Familienzeit. Gemeinsames Spielen oder Vorlesen erfülle das Bedürfnis der Kinder nach Aufmerksamkeit und Zuneigung und fördere die Sprachkompetenz. (3631/18.11.2025)