Ungleichheit gefährdet nach den Worten der Göttinger Soziologin Nicole Mayer-Ahuja die Demokratie. Leistung könne nicht mehr mit ökonomischer Sicherheit gleichgesetzt werden, sagte sie am Donnerstagabend im Haus am Dom in Frankfurt am Main. Beschäftigung sei zunehmend kein Garant mehr dafür, ein ausreichendes Einkommen zu erhalten. Die Sozialwissenschaftlerin tauschte sich bei einem Sozialpodium mit Vertretern von Kirchen und Gewerkschaft darüber aus, welche Folgen Armut für die Gesellschaft hat.
Es gebe ein „Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus“, sagte Mayer-Ahuja. Demokratie bedeute politische Gleichheit, Grundlage des Kapitalismus sei hingegen Konkurrenz und Ungleichheit. „Die Arbeitswelt ist kein demokratischer Raum“, fügte sie hinzu. Die Politik der vergangenen Jahre habe dies bestärkt, etwa durch den Abbau von Arbeitnehmerrechten. Möglichkeiten der kollektiven Mitbestimmung würden weniger. Das Management bezeichne Entscheidungen zunehmend als „alternativlos“, weil Markt und Kunden sie verlangten. Dazu komme die „Blackbox Digitalisierung“. Auch hier werde mit Sachzwängen argumentiert und oft sei nicht klar, was neue Techniken und deren mögliche Kontrollmechanismen für die Arbeitnehmer bedeuteten.
Knapp ein Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland sei im Niedriglohnsektor beschäftigt, erläuterte Mayer-Ahuja. Dies führe zu einer Wahrnehmung von Ohnmacht und Ungleichheit, die auch das Verhalten als Staatsbürger präge und es Parteien wie der AfD leicht mache, Zustimmung für ihre Parolen zu bekommen. Je ärmer ein Stadtteil, desto höher sei die Arbeitslosigkeit und desto niedriger die Wahlbeteiligung. Dies sei eine Gefahr für die Demokratie, betonte die Soziologin. Die Gefahr könne bekämpft werden durch eine neue Verknüpfung von Arbeit und sozialer Absicherung sowie mehr öffentliche Daseinsvorsorge. Sozialeigentum müsse ausgebaut werden, statt die Schuldenbremse einzuhalten und ein Sondervermögen für Rüstung bereitzustellen, sagte die Soziologin.
Der katholische Mainzer Bischof Peter Kohlgraf berichtete, er begegne Armut, sobald er aus dem Haus gehe. Den Kontakt zu armen Menschen hätten die Kirchengemeinden allerdings verloren. „Sie erwarten nichts mehr von uns“, sagte er selbstkritisch und fügte hinzu, dass die Kirchen die Möglichkeit hätten, soziale Themen in der Gesellschaft zu setzen.
Volker Jung, der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, stimmte zu und verwies auf die jüngste Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft. Diese habe gezeigt, dass Mitglieder von den Kirchen erwarteten, dass sie sozialdiakonische Themen in die Öffentlichkeit bringen und sich selbst entsprechend engagieren. Allerdings reiche es nicht, persönliche Not zu lindern. Es müsse zu strukturellen Veränderungen kommen, die Armut und fehlende Selbstwirksamkeit verhindern.
Jung sprach sich für Bürgerräte auf kommunaler und nationaler Ebene aus. Teilnehmende dürften allerdings nicht verlangen, dass ihre Interessen durchgesetzt werden, sondern dass die politischen Parlamente ihre Anliegen verhandeln. „Wir müssen Kompromisse finden“, betonte der Kirchenpräsident.
„Wer über Armut redet, darf über Reichtum nicht schweigen“, sagte der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen, Michael Rudolph. Er würde es begrüßen, wenn die Vermögenssteuer wieder eingeführt werde.