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Soziologe sieht Einsamkeit als Gefahr für die Demokratie

Gute und verlässliche Beziehungen schützen nicht nur vor Einsamkeit, sie stabilisieren auch die Demokratie. Doch sie sind kein Selbstläufer, mahnt ein Experte.

Einsamkeit belastet nicht nur den Einzelnen, sie kann auch die Demokratie gefährden. Durch das derzeit schwindende Vertrauen in die Politik und die demokratische Ordnung fühlten sich Menschen zunehmend heimatlos, beobachtet der Kasseler Soziologe Janosch Schobin. Die Gesellschaft werde vielfach als gespalten und unsicher wahrgenommen, erklärte er bei einer Online-Veranstaltung der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung in Berlin.

Dieser stabile Rahmen soll laut Schobin “für ein hohes Maß an Vertrauen” sorgen und gute Nahbeziehungen ermöglichen. Er habe aber durch die Corona-Pandemie “einen Schlag gekriegt”. Eine Vorstufe von Einsamkeit sei, “wenn ich meinem Sozialraum nicht mehr trauen kann”. Hinzu kämen seither “schockartige gesellschaftliche Veränderungsprozesse” wie Klimaveränderungen, Wirtschaftskrise, Kriege, Flucht und Vertreibung. Diese veränderten auch nahe Beziehungen zwischen Menschen und sorgten für “Veränderungsschmerzen wie Einsamkeit”.

Auch die Klagenfurter Psychotherapeutin Mareike Ernst beobachtet einen Trend zur gesellschaftlichen Entfremdung. Als konkretes Gegenmittel empfiehlt sie, gute Kontakte in der Nachbarschaft zu pflegen und freundlicher miteinander umzugehen. Schon kleine Begegnungen könnten dazu beitragen, dass sich Menschen weniger einsam fühlten. Solche Mini-Kontakte seien nicht zu unterschätzen, weil jeder Nachbar und jede Nachbarin zugleich “ein Gesicht der Gesellschaft” sei.

Wer bei solchen Begegnungen positive Erfahrungen mache, sei zudem eher bereit, sich vor Ort für die Gemeinschaft zu engagieren, sagte Ernst. Ob durch Vereinsarbeit oder ein anderes Ehrenamt – durch das Erleben von Selbstwirksamkeit könnten Menschen sich ein soziales Netz schaffen und so auch der Einsamkeit ein Schnippchen schlagen.