Soziologe schlägt 60.000 Euro “Grunderbe” für junge Menschen vor

Ein renommierter Gesellschaftsforscher sieht in wachsender Ungleichheit "eines der drängendsten Probleme unserer Zeit". Mit einer radikalen Reformidee will er gegensteuern.

Der Soziologe Jens Beckert wirbt für ein "Grunderbe" von 60.000 Euro, um Startchancen junger Erwachsener zu verbessern. Sie könnten damit Unternehmen gründen oder Wohneigentum kaufen - unabhängig von der Herkunft, sagte er dem Magazin "frings." des katholischen Hilfswerks Misereor. "Das würde das Aufstiegsversprechen erneuern und die gesellschaftliche Spaltung verringern", so der Experte.

Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln räumte jedoch ein, dass die politische Umsetzung schwierig sei. Denn ein "Grunderbe" müsste finanziert werden - etwa durch eine Erbschaftssteuerreform.

Aber trotz zunehmender Ungleichheit seien steuerliche Umverteilungsmaßnahmen unbeliebt. "In Deutschland besitzen die oberen zehn Prozent fast zwei Drittel des privaten Vermögens, während die untere Hälfte praktisch nichts hat", gab Beckert zu bedenken. Hinzu komme, dass besonders große Vermögen wie Betriebsvermögen oft weitgehend steuerfrei blieben. Dennoch empfänden es viele als ungerecht, wenn der Staat auf Erbschaften zugreife. Diese würden als etwas Persönliches, als das Lebenswerk der Eltern oder Großeltern betrachtet.

Ein weiterer Faktor, der Umverteilung erschwere, sei das schwindende Vertrauen in die staatlichen Institutionen: "Wenn das Vertrauen in den Staat sinkt, glauben die Menschen nicht mehr, dass Steuern sinnvoll eingesetzt werden und allen zugutekommen."

Beckert sieht trotzdem Handlungsbedarf. "Die wachsende Ungleichheit ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit." Wenn nichts dagegen getan werde, sei der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr. Der Experte ist überzeugt: "Ein Grunderbe könnte das Versprechen von Chancengleichheit wiederbeleben."

Innerhalb der Bundesregierung wird seit Monaten über eine mögliche Erbschaftssteuerreform diskutiert. Während die SPD Erben größerer Vermögen stärker in die Pflicht nehmen will, ist die Union in dieser Frage eher skeptisch.

👋 Unser Social Media