Für den Soziologen Oliver Nachtwey entstehen faschistische Tendenzen nicht aus Mangel an Wissen, sondern aus Gefühlen, wie „sehr starker, angestauter Ohnmacht, Wut und vor allem Ressentiments“. Dem komme man nicht mit Vernunft, Rationalität, Argumenten oder gar Statistiken bei, sagte Nachtwey am Dienstagabend bei einer Veranstaltung in Karlsruhe. Deshalb könne man Nazis oder auch US-Präsident Donald Trump nicht mit Fakten-Checks stellen.
Eine Möglichkeit, dem entgegenzusteuern sei es, sich aktiv in der Zivilgesellschaft einzusetzen, etwa in Vereinen, der Feuerwehr oder dem Kirchenchor, sagte Nachtwey, der an der Universität Basel lehrt. Sein Buch „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“ (Suhrkamp 2025), dass er gemeinsam mit Carolin Amlinger veröffentlicht hat, wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.
Wie der Widerstand gegen faschistische Tendenzen gelinge, zeige das Beispiel Minneapolis in den USA, wo die US-Einwanderungsbehörde ICE gewaltsam gegen Migranten vorgeht. Dort hätten Bürgerinnen und Bürger ein starkes Netzwerk der Solidarität gebildet, um sich der Politik Trumps entgegenzustellen.
Diese laufe auf Gewalt, Demütigung und auch „Genuss von Gewalt“ hinaus, erklärte der Soziologe. Lange habe er Trump eher als Rechtspopulisten und nicht als Faschisten bezeichnet. Diese Einschätzung habe er nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 geändert.
Vergleichbare Strömungen sieht Nachtwey auch hier. In Ostdeutschland sei die AfD eine „semi-faschistische Partei“. „Wir müssen dort mit Gewalt rechnen“, so der Wissenschaftler. Gründe für den großen Zuspruch der AfD sieht der Soziologe darin, dass viele Ostdeutsche den Versprechen des Kapitalismus geglaubt hätten, diese aber nicht erfüllt worden seien. Auch Brüche im eigenen Leben machten anfälliger für faschistisches Denken. (0376/11.02.2026)