Die Nürnberger evangelische Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern hat nach der Corona-Zeit „nachgeholte Solidarität“ für die Menschen gefordert, die in der Pandemie kein Gehör gefunden hätten. Es müsse eine Kultur entstehen, „Fäden wieder aufzunehmen und Beziehungen wieder herzustellen“, sagte die Theologin bei einem Podiumsgespräch am Mittwochabend zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie, die vor fünf Jahren begann. Viele Menschen hätten sich in ihrer Freiheit beschnitten gefühlt. Für die Menschen, die das Gefühl hätten, in der Pandemie kein Gehör gefunden zu haben, wolle die Kirche nun Räume anbieten.
Die „Solidaritätsreserven“ waren nach der ersten Phase der Pandemie erschöpft, stellte der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der Erlanger Professor Peter Dabrock, fest: „Wir waren alle down.“ Von Corona habe man nun gelernt, „dass dieser Effekt auftauchen kann“.
Mit den Diskussionen über eine Corona-Impfpflicht habe eine Polarisierung und Übermoralisierung stattgefunden, sagte Dabrock weiter. Diese Polarisierung sei auch eingetreten, weil sich politische Entscheider und Wissenschaft nicht deutlich voneinander abgegrenzt hätten. Gerade Wissenschaftler hätten die Pluralität der Wissenschaft und auch die zwischenmenschlichen Folgen nicht bedacht, sagte der Professor für Systematische Theologie.
Die Polarisierung habe „andere Wurzeln“, sei aber von der Pandemie beschleunigt worden, sagte der Fürther Schulbürgermeister Markus Braun. Die sozialen Medien bewirkten, „dass bis heute kein Konsolidierungseffekt eingetreten ist“. Die Pandemie habe die „soziale Schere“ in der Gesellschaft weiter geöffnet. So hätten zum Beispiel Kinder, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwuchsen, keine Laptops fürs Homeschooling gehabt. Außerdem hätten sie oft in Wohnungen ohne Balkon oder Garten gewohnt und daher nicht ins Freie gekonnt. Braun kritisierte auch, dass das Krisenmanagement in der Corona-Zeit manchmal „das Rad überdreht und Vertrauen zerstört hat“.
Regionalbischöfin Hann von Weyhern bedauerte ebenfalls, dass während der Corona-Zeit Grundrechte und Freiheitsbedürfnisse der Menschen „nicht ausreichend wahrgenommen“ und dadurch verletzt worden seien. Die Kirche habe nicht ausreichend gegen Moralisierung und Polarisierung dagegengehalten. Man sei in dem Dilemma gewesen, Leben zu schützen, habe aber die Bedürfnisse der Sterbenden und ihrer Angehörigen etwa bei Beerdigungen beschnitten. „Wir haben an dieser Stelle gekämpft, aber nicht ausreichend“, gab sich die Regionalbischöfin selbstkritisch. Die Kirche sei auch „auf dem Holzweg“ gewesen, als sie sich in der zweiten Phase der Corona-Zeit auf die Behauptung eingelassen habe, dass es sich um eine „Pandemie der Ungeimpften“ handle.
„Wenn es eine Gesellschaft nicht schafft, dass Menschen bei einem Sterbenden dabei sein können, stimmt etwas nicht. Es war keine Zeit für Trauer“, sagte Manfred Wagner, Ärztlicher Direktor am Klinikum Fürth. Wagner erreichte während der Pandemie mit einem Erklär-Videopodcast Tausende Menschen in ganz Deutschland. Er kritisierte eine Logik, Sachverhalte nur in Richtig und Falsch einzuordnen. „Wir müssen aushalten, dass es auf komplexe Fragestellungen keine einfachen Antworten gibt“, sagte er. Wagner plädierte dafür, mit Menschen anderer Meinungen „wirklich im Gespräch zu bleiben“. (0945/20.03.2025)